
Es gibt Alben, die fordern den Hörer heraus – „The Great Sonic Wave“ von 20.SV gehört zweifellos dazu. Das Projekt des libanesischen Musikers Osman Arabi bewegt sich mit diesem 28-minütigen Klangmonolithen an der Grenze zwischen Industrial, Noise und Dark Ambient. Veröffentlicht auf dem Label Cavity, entzieht sich das Album klassischen Strukturen und entfaltet stattdessen eine Sogwirkung, die von roher Klanggewalt und tief verwurzeltem Nihilismus geprägt ist.
Der Titel des Albums deutet bereits an, was einen erwartet: eine übermächtige Klangwelle, die auf den Hörer zurollt, ihn verschlingt und letztendlich in der Stille zurücklässt. Arabi arbeitete mit field recordings, die über Jahre hinweg in Tripoli – El Mina gesammelt wurden. Mikrofone zeichneten das Reiben, Kratzen und Schlagen auf Metall auf – Materialien, die später digital bearbeitet wurden, um eine düstere, maschinenhafte Klangwelt zu erschaffen. Diese klanglichen Texturen lassen sich als Metapher für die Industrialisierung oder sogar als akustische Umsetzung einer Naturkatastrophe deuten. Ein Schlüsselelement, das das Album von vielen anderen Noise- und Industrial-Veröffentlichungen abhebt, ist die Stimme von Alan Dubin. Der Sänger, bekannt durch seine Arbeit mit KHANATE und GNAW, verleiht der ohnehin schon beklemmenden Komposition eine menschliche Dimension – oder besser gesagt: eine unmenschliche. Seine Schreie durchbrechen das dichte Klanggeflecht wie verzweifelte Hilferufe aus einer zerfallenden Welt. Besonders in der zweiten Hälfte des Albums steigert sich Dubins Performance in einen nahezu exorzistischen Ausdruck reiner Verzweiflung.
Obwohl „The Great Sonic Wave“ nur einen Track umfasst, entwickelt es eine klare Dramaturgie. Der Beginn ist subtil, fast kaum wahrnehmbar – eine ferne Vorahnung von etwas Unaufhaltsamem. Nach und nach bauen sich die Frequenzen auf, der Sound wird dichter und schwerer, bis sich eine Welle aus harschen Geräuschen, dröhnenden Drones und verzerrten Vokalfragmenten über den Hörer ergießt. Im letzten Abschnitt zieht sich der Klang langsam zurück, als würde sich das Meer nach einem zerstörerischen Tsunami wieder in die Tiefe zurückziehen. James Plotkin übernahm das Mastering und verlieh der Komposition eine immense klangliche Tiefe. Trotz der dichten Texturen bleibt das Album detailreich und wirkt nie zu chaotisch. Das minimalistische Coverdesign von Remco van Bladel unterstützt diese Ästhetik – es verzichtet auf überflüssige Elemente und setzt ganz auf abstrakte Formen, die an Wellen oder oszillierende Frequenzen erinnern.
„The Great Sonic Wave“ ist keine leichte Kost. Es verlangt Geduld, eine hohe Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, sich vollständig auf eine auditive Extremerfahrung einzulassen. Doch für jene, die sich dieser Herausforderung stellen, offenbart sich eine einzigartige, kathartische Klanglandschaft. Arabi und Dubin haben hier ein Werk geschaffen, das in seiner kompromisslosen Radikalität beeindruckt – ein wütendes, bedrückendes und letztendlich faszinierendes Klangexperiment. Wer sich zwischen den Klangwelten von Death Industrial, Dark Ambient und avantgardistischem Noise bewegt, sollte diesem Album eine Chance geben.



