
Wenn man sich dem selbstbetitelten Debütalbum von EAGULLS nähert, ist Vorsicht geboten. Nicht, weil es gefährlich wäre im klassischen Sinne. Sondern weil es eine dieser raren Platten ist, die einem ohne Vorwarnung die Haut vom Schädel zieht – mit Gitarren, die wie rostige Kreissägen kreischen, und einer Stimme, die klingt, als würde GEORGE MITCHELL im permanenten Sturzflug gegen den Beton seiner eigenen Weltsicht anschreien. Eagulls ist keine Einladung, sondern eine Zumutung – im besten Sinne. Ein klanggewordenes Manifest aus Dissonanz, Depression und Desillusion. Post-Punk, gewiss, aber nicht im modisch rückversicherten Sinne. Was hier aus Leeds schallt, ist keine Retro-Geste, sondern ein raues Zeitdokument: urban, zersetzt, nihilistisch.
Schon der Opener Nerve Endings macht klar, dass es auf diesem Album keine Atempause gibt. Der Beat peitscht, die Gitarren heulen, MITCHELLS Stimme kommt aus einer Tiefe, in der der Begriff „Jugendkultur“ längst zu Staub zerfallen ist. Tough Luck, Possessed, Opaque – das sind keine Songs, das sind Symptome. Zitternde, kratzende Versuche, im Lärm einen Sinn zu finden. Besonders drastisch zeigt sich das in Soulless Youth: ein Titel wie ein Schlag ins Gesicht aller Coming-of-Age-Märchen. Statt Ermächtigung gibt es hier Lähmung, statt Aufbruch ein hypnotischer Sog in den Sumpf gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit. Eine Hymne für eine Generation, die nie gefragt wurde, ob sie überhaupt dabei sein will.
Das Klangbild? Eher eine Wand. Eine unnachgiebige, flackernde, von Rückkopplungen durchzogene Masse. Die Gitarren von MARK GOLDSWORTHY und LIAM MATTHEWS sind keine Melodieinstrumente, sondern Texturen aus Dreck und Verzerrung. Der Bass von TOM KELLY und das Schlagzeug von HENRY RUDDEL treiben nach vorn, aber nicht in Richtung Hoffnung – eher wie ein Rollstuhl mit kaputten Bremsen auf abschüssiger Straße. Es ist dieser permanente Kontrollverlust, der Eagulls zu einem der drängendsten Alben der 2010er Jahre macht. Während andere Bands sich in Ästhetizismus und Ironie flüchten, rotzen EAGULLS ihre Verachtung für Oberflächlichkeit, Kapitalismus und Apathie in verzweifelte Klangkaskaden. Das ist nicht elegant, nicht clever, nicht ironisch. Aber es ist echt. Verdammt echt. Und so steht Eagulls als widerborstiges Artefakt einer Zeit, in der sich Pop längst an den Lifestyle verkauft hat und Protest nur noch als ästhetische Pose taugt. EAGULLS hingegen meinen es ernst. Vielleicht zu ernst für eine Welt, die ihre Abstumpfung längst in Instagram-Filtern ästhetisiert hat.
Kurzum: Wer Musik als Wellness empfindet, soll bitte weiterziehen. Wer hingegen bereit ist, sich für 40 Minuten den Dämonen einer zornigen Generation auszusetzen, wird in Eagulls nicht nur ein Album finden, sondern ein notwendiges Störgeräusch im Echo der Beliebigkeit.





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