V.A. – „Joy Of Living. A Tribute To EWAN MACCOLL“ VÖ: 30.10.2015

V.A. – „Joy Of Living. A Tribute To EWAN MACCOLL“ VÖ: 30.10.2015

Cover V.A. - "Joy Of Living. A Tribute To EWAN MACCOLL"

Was bleibt von einem, der seine Stimme nie in den Mittelpunkt stellte, sondern sie als Werkzeug verstand – zum Singen, zum Erinnern, zum Aufrütteln? Joy Of Living – A Tribute To EWAN MACCOLL versucht eine Antwort. Der 2015 erschienene Doppel-Sampler, kuratiert von MACCOLLs Söhnen CALUM und NEILL, versammelt über dreißig Künstler*innen, die sich dem Werk eines Mannes nähern, der zu Lebzeiten kaum Ruhm, aber nachhaltigen Einfluss sammelte. Es ist keine einfache Hommage. Eher ein akustisches Gespräch mit einem Abwesenden – respektvoll, aber nicht unterwürfig.

Der Einstieg mit DAMIEN DEMPSEYs Schooldays Over ist so schlicht wie programmatisch: eine Hommage an das Arbeiterkind, das viel zu früh erwachsen wird – gesungen mit rauer Zärtlichkeit. Gleich darauf folgt MARTIN CARTHY mit I’m Champion At Keeping ‚Em Rolling, einer Neuinterpretation, die dem Lied seine folkloristische Erdung zurückgibt. Auffällig ist, wie sehr die Beiträge nicht im Pathos verharren, sondern versuchen, MACCOLLs Texte neu zu befragen. THE UNTHANKS flüstern Cannily, Cannily wie ein Schlaflied über die Müdigkeit der arbeitenden Klasse. SETH LAKEMAN macht aus The Shoals Of Herring ein windzerzaustes Seemannsepos, während DICK GAUGHAN Jamie Foyers mit politischer Klarheit durchdringt.

Und doch sind es nicht nur die gestandenen Folkgrößen, die beeindrucken. JARVIS COCKER überrascht mit einer eigenwillig entrückten Version von The Battle Is Done With – mehr gesprochen als gesungen, eine Art ironische Distanzübung im Schatten von Brexit und Class War. PAUL BUCHANAN hingegen liefert mit The First Time Ever I Saw Your Face das emotionale Zentrum der ersten CD: eine Liebeserklärung, so zurückgenommen und fragil, dass man sie kaum anhören kann, ohne etwas in sich zu spüren, das mit der Zeit verschwunden ist.

„The function of folk song is not to preserve the past, but to serve the present.“
EWAN MACCOLL

Die zweite CD birgt einige der radikaleren Lesarten. BILLY BRAGG singt Kilroy Was Here mit jener Mischung aus punkigem Understatement und moralischem Ernst, für die man ihn liebt oder hasst. RUFUS & MARTHA WAINWRIGHT verleihen Sweet Thames, Flow Softly eine queere Eleganz, irgendwo zwischen Varieté und Kirchenchor. Und CHRISTY MOORE lässt The Companeros als Abschiedsgesang für vergangene Revolutionen erklingen, als wisse er selbst, dass sie nicht wiederkommen. Die größte Leistung des Albums ist jedoch, dass es EWAN MACCOLLs Werk nicht musealisiert, sondern vitalisiert. Es beweist, dass seine Songs, oft in der Tradition der sogenannten Radio Ballads entstanden, heute noch lesbar – besser: hörbar – sind. Und mehr noch: dass sie gegenwärtig bleiben, weil sie nie nur Lieder waren, sondern immer auch Skizzen von Welt, von Arbeit, von Liebe und von Widerstand.

Joy Of Living ist ein Album, das die Grenzen zwischen Tradition und Moderne, Folk und Pop, England und Irland, Politik und Poesie nicht aufheben will – aber hörbar macht, wie porös diese Grenzen sind. Es ist ein Kaleidoskop aus Stimmen, das EWAN MACCOLL weder verklärt noch entkernt, sondern ihn dort verortet, wo er hingehört: mitten unter uns. Selten war eine Hommage so unaufdringlich, so einfühlsam, so vielstimmig. Wer heute über politische Musik spricht, über working-class poetry, über das Verhältnis von Lied und Leben, kommt an diesem Album nicht vorbei. Nicht, weil es laut ist – sondern weil es weiterklingt.

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