
MANUEL GAGNEUX hat es wieder getan. Dort, wo andere Acts längst damit beschäftigt wären, ihr Trademark bis zur Parodie auszuschlachten, zieht ZEAL & ARDOR die Notbremse, wechselt die Gleise und stellt die eigenen Prämissen infrage. Greif ist kein „neues Kapitel“ – es ist ein bewusstes Loslassen von der Erwartung, dass hier auf Kommando Black Metal mit Gospel kollidiert. Stattdessen lotet GAGNEUX aus, wie sich diese Pole in einem feineren Gewebe miteinander verflechten lassen. Schon der Auftakt The Bird, The Lion, And The Wildkin ist nicht mehr als ein geisterhaftes Skizzenfragment, doch genau hier beginnt das Programm: ZEAL & ARDOR definieren Dramaturgie über Zwischentöne und Lücken, nicht über die pure Wucht. Songs wie Fend You Off oder Kilonova liefern zwar noch immer das vertraute Tremolo-Geschrei und die bösartig schnappenden Riffs, doch der Clou liegt im Nebeneinander von hymnischen Chören und aufgerauten Noise-Flächen. Dasselbe gilt für Are You The Only One Now?, wo plötzlich Klarheit und Dunkelheit nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden, sondern in einem instabilen Gleichgewicht schweben.
Greif ist eine Platte, die sich weigert, den einfachen Kick zu liefern. Die kurzen, beinahe skizzenhaften Stücke – Go Home My Friend, Une Ville Vide, To My Ilk – wirken wie Fieberbilder: zu kurz, um sich festzusetzen, zu stark, um ignoriert zu werden. Sie destabilisieren das Album, lassen es weniger wie ein Produkt, mehr wie einen Zyklus erscheinen. Das ist riskant, denn die Versuchung, hier eine bloße Patchwork-Ästhetik zu wittern, ist groß. Aber gerade diese Sprödigkeit macht Greif interessant: Es ist ein Album, das nicht gefallen will, sondern Unruhe stiftet.
Thematisch weitet GAGNEUX seinen Horizont. Weg von den direkten Referenzen an afroamerikanische Geschichte, hin zu kosmologischen, abstrakteren Allegorien (Kilonova, 369) oder existenzieller Innerlichkeit (Disease, Clawing Out). Die Texte sind fragmentarischer, fast poetische Splitter, die sich weigern, im politischen Kommentar stecken zu bleiben. Das ist zugleich Gewinn und Schwäche: ZEAL & ARDOR verzichten auf die Eindeutigkeit, die ihre frühen Songs so brennend machte – und begeben sich ins riskante Gelände des Uneindeutigen. Klanglich überzeugt Greif durch Transparenz. Die Produktion betont GAGNEUX’ Stimme in all ihren Schattierungen: vom souligen Timbre über chorale Wucht bis zu den schneidenden Black-Metal-Screams. Diese Stimme wird zum eigentlichen Leitfaden, während die Instrumentierung sich mal in Industrial-Schatten, mal in post-rockige Weite verflüchtigt.
Und so ist Greif vielleicht das bisher reifste ZEAL-&-ARDOR-Album – nicht, weil es die Extreme eskaliert, sondern weil es sie in Frage stellt. Wer hier den nächsten Genre-Stunt erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, sich auf eine Platte einzulassen, die wie ein zerbrochener Spiegel funktioniert – Splitter, Reflektionen, kein klares Bild –, wird belohnt. Am Ende bleibt das Paradox: ZEAL & ARDOR haben sich längst von der Rolle der „exotischen Kuriosität“ emanzipiert. Doch gerade, indem sie sich weigern, Erwartungen zu bedienen, bleiben sie interessant. Greif ist eine Einladung zur Geduld – und ein Statement gegen die Instant-Befriedigung des Metal- wie Pop-Business.





Schreibe einen Kommentar