Die Besten 2024 : KENDRICK LAMAR – „GNX“ (PGLang/ Interscope/ Universal); VÖ: 22.11.2024

Die Besten 2024 : KENDRICK LAMAR – „GNX“ (PGLang/ Interscope/ Universal); VÖ: 22.11.2024

Cover KENDRICK LAMAR - "GNX"

Es gibt Karrieren, die geraten nach dem dritten, spätestens nach dem vierten Album ins Stocken. Man wiederholt sich, man liefert brav die Pflicht – und dann der langsame Drift ins Mittelmaß. KENDRICK LAMAR kennt diesen Mechanismus, er hat ihn studiert und vielleicht sogar gefürchtet. Und doch: Mit GNX gelingt ihm das Gegenteil. Er zieht die Luft ein, presst sie durch die Zähne und spuckt ein Album aus, das weniger versöhnlich, dafür präziser, aggressiver, konzentrierter wirkt als alles, was er in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Schon die Titelwahl – GNX, benannt nach einem legendären Buick aus den 80ern, der Geschwindigkeit und Gefahr verkörperte – ist Statement genug: Hier fährt einer wieder auf die Überholspur. Keine orchestrale Selbsttherapie wie auf Mr. Morale & the Big Steppers, kein Pulitzer-taugliches Jazz-Epos wie To Pimp A Butterfly. Stattdessen ein komprimierter Westcoast-Flash, 44 Minuten, 12 Tracks, kaum Skits, kaum Umwege.

Die Produktion changiert zwischen reduziertem Trap, Westcoast-Bounce und jazzigen Einschüben. SOUNWAVE, JACK ANTONOFF, MUSTARD und KAMASI WASHINGTON liefern die Texturen, doch das Album gehört allein LAMARs Stimme: mal nüchtern wie ein Nachrichtensprecher, mal eruptiv, mal zynisch lachend. Die Beats wirken wie offene Flächen, auf die er seine Reime sprüht – Compton als endloses Wandbild, das er selbst neu bemalt. Doch GNX wäre kein LAMAR-Album, wenn es sich nur um Selbstvergewisserung drehen würde. Mit Features wie SZA (Luther, Gloria), RODDY RICCH, WALLIE THE SENSEI, AZCHIKE oder LEFTY GRUNPLAY zeigt er, dass er Community und Szene nicht vergessen hat. Hier performt kein isolierter Pulitzer-Preisträger vom Elfenbeinturm, sondern ein Künstler, der die Brücke schlägt: zwischen Straßenrap und Hochkultur, zwischen Mainstream und Untergrund.

Inhaltlich bleibt LAMAR bei seinen altbekannten Themen – Gewalt, Identität, Rivalität, Trauma –, aber er schärft den Ton. Das Album ist weniger Reflexion als Kampfansage. Wer zwischen den Zeilen liest, hört die Nachbeben der Scharmützel mit DRAKE, spürt aber auch die Selbstbehauptung eines Künstlers, der sich weigert, im eigenen Kanon zu verstauben. Heart Pt. 6 ist nicht bloß ein weiteres Kapitel, sondern eine Kampfansage: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Kritiker sind sich einig: GNX ist kein Meisterwerk im Sinne von To Pimp A Butterfly, aber es ist ein Meisterstück in Präzision. Ein Album, das die Essenz von KENDRICK LAMAR destilliert, ohne den Ballast der Erwartung. Wer wissen will, wie sich ein Künstler nach Pulitzer, nach Super Bowl und nach Beef noch einmal neu erfinden kann, findet hier die Antwort: indem er das Gaspedal durchtritt.

GNX ist kein Rückblick, kein Epilog, sondern ein Statement. In einer Zeit, in der Rap zu oft auf TikTok-Snippets reduziert wird, liefert KENDRICK LAMAR ein Album, das man am Stück hören muss. Und vielleicht ist das seine radikalste Geste: Einfach noch einmal zeigen, dass es geht.

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