Wiederentdeckung : DIMMU BORGIR – „Puritanical Euphoric Misanthropia“ (Nuclear Blast); VÖ: 12.03.2001

Cover Dimmu Borgir - Puritanical Euphoric Misantropia

Mit Puritanical Euphoric Misanthropia legten DIMMU BORGIR im Jahr 2001 ein Album vor, das nicht nur in ihrem eigenen Œuvre einen markanten Wendepunkt darstellt, sondern auch den symphonischen Black Metal insgesamt auf eine neue Stufe hob. Die Norweger verabschiedeten sich hier endgültig vom klirrend-rohen Klang ihrer Frühwerke und präsentierten stattdessen ein monumentales Klangbild, das orchestrale Opulenz, technische Präzision und eine geradezu nihilistische Ästhetik miteinander vereint. Schon der widersprüchliche Titel – asketisch, ekstatisch, menschenverachtend – kündigt an, was musikalisch folgt: ein kühnes Spiel mit Extremen. DIMMU BORGIR wagen hier die Synthese aus cineastischer Breite und maschineller Kälte, aus Pathos und Härte. Das Ergebnis ist ein Album, das nicht einfach nur gehört, sondern in seiner vollen Dramatik durchlebt werden will.

Musikalisch setzt Puritanical Euphoric Misanthropia neue Maßstäbe. Das PRAGER PHILHARMONISCHE ORCHESTESTER verleiht der Platte eine orchestrale Tiefe, wie sie im Metal bislang selten zu hören war. Anders als bei früheren Keyboard-basierenden Klangtapeten wird das Orchester hier nicht zur Untermalung, sondern zum tragenden Element – gleichberechtigt mit Gitarren und Drums. Besonders in Songs wie Blessings Upon The Throne Of Tyranny oder Architecture Of A Genocidal Nature entfaltet sich eine gewaltige Klangarchitektur, die den Hörer förmlich überrollt.

Das Songwriting zeigt sich komplex, oft unberechenbar. Galder und Silenoz liefern rifftechnisch eine modernisierte Variante des Black Metal, die sich stellenweise an Death und Thrash anlehnt. Nicholas Barkers Drumming verleiht dem Ganzen eine erbarmungslose Präzision – ein wahrer Panzer aus Blastbeats und Doublebass-Attacken. Mustis’ orchestrale Arrangements sorgen nicht nur für Größe, sondern auch für emotionale Nuancen – etwa im abschließenden Instrumental Perfection Or Vanity, das mit melancholischer Eleganz einen Kontrapunkt zur vorherigen Brutalität setzt.

Ein besonderes Augenmerk gilt ICS VORTEX, der mit seinem klaren Gesang eine neue Farbe in den DIMMU-Kosmos bringt. Seine Einsätze – etwa in Kings Of The Carnival Creation oder The Maelstrom Mephisto – verleihen den Stücken eine sakrale Überhöhung und stehen in reizvollem Kontrast zu Shagraths verzerrtem, dämonischem Vortrag. Diese duale Gesangsdynamik ist es, die viele Stücke auf eine fast opernhafte Ebene hebt.

Was Puritanical Euphoric Misanthropia im Bandkontext so besonders macht, ist seine Rolle als Scheidepunkt. Es ist das erste Album mit Vortex, Galder und Barker – ein personeller wie stilistischer Neuanfang. Wo Spiritual Black Dimensions noch mit barocker Dunkelheit und verschlungenen Strukturen spielte, geht Puritanical... einen Schritt weiter: Es professionalisiert, kondensiert und modernisiert das Klangbild von DIMMU BORGIR. Der Sound ist kontrollierter, klarer, orchestraler – und dadurch auch polarisierender. Puristen sahen in diesem Album den endgültigen Verrat am rohen Black Metal, andere feierten es als revolutionäres Meisterwerk.

Rückblickend lässt sich feststellen: Puritanical Euphoric Misanthropia ist nicht nur ein Bindeglied zwischen den frühen, chaotischen Jahren und der späteren Dominanz auf internationalen Bühnen (Death Cult Armageddon, In Sorte Diaboli), sondern ein eigenständiges Manifest – kalt, kalkuliert, kompromisslos. DIMMU BORGIR beweisen hier, dass Extreme nicht im Chaos, sondern auch in der Kontrolle liegen können.