
Es ist nicht der Weltuntergang, den wir erwarten. Kein Atomkrieg, keine Zombies, kein Meteorit. In THE LAST DAYS (Los Últimos Días, Spanien 2013) ist das Ende der Zivilisation kein Knall, sondern ein Flüstern – die Menschheit stirbt an der Angst, das Haus zu verlassen. Agoraphobie als Pandemie. Wer hinausgeht, kollabiert. Wer drinnen bleibt, verhungert. Und irgendwann wird beides gleich wahrscheinlich.
Was wie ein psychologisches Kammerspiel beginnt, wächst sich zum existenziellen Roadmovie aus – nur dass die Straße nicht draußen, sondern unter der Stadt liegt. Barcelona wird zur Gruft, zum unterirdischen Lebensraum, zum Labyrinth aus Schächten, Tunneln und Trümmern. Der junge Protagonist MARC (QUIM GUTIÉRREZ) begibt sich auf eine Odyssee durch das Bauchgefühl der Stadt, begleitet vom zynischen ENRIQUE (JOSÉ CORONADO), einem Mann, der weniger eine Biografie als eine Schuldakte ist.
Die U-Bahn als unterirdischer Fluchtweg: Die Stadt wird zur Katakombe
Die filmische Ästhetik erinnert in ihrer klaustrophobischen Enge und melancholischen Grundstimmung frappierend an Metro 2033, den russischen Genreklassiker von DMITRY GLUKHOVSKY, der sich ebenfalls durch den postapokalyptischen Untergrund windet. Doch während Metro im Krieg verankert ist, wurzelt The Last Days in der Psyche. Hier gibt es keine radioaktive Bedrohung – nur das Ich als tödlichen Feind.
Was damals, 2013, noch wie dystopische Fiktion wirkte, erscheint aus heutiger Sicht fast prophetisch. Die Idee einer weltweiten Angststörung, die das öffentliche Leben lähmt, bekam mit der Corona-Pandemie ab 2020 eine erschreckende Entsprechung. Plötzlich war sie da, die „neue Realität“: Menschen, die sich nicht mehr in die U-Bahn trauen. Die Einkaufstour als Risikoabwägung. Die Nähe als Bedrohung. Auch wenn Covid-19 physiologisch und nicht psychologisch wirkte – die gesellschaftliche Folge war eine kollektive Agoraphobie light, eine vorübergehende Implosion des Alltags.
Leere Straßen als Echo auf eine Welt, die sich selbst ausgesperrt hat

Der Film verzichtet klugerweise auf eine eindeutige Erklärung. Es gibt keine Regierung, die interveniert, keinen Wissenschaftler, der auftritt, keine Verschwörung. Nur das menschliche Bedürfnis nach Nähe, Ordnung, Sinn – und sein vollständiger Zusammenbruch. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, beobachtet leise, lässt Platz für Deutung. In der Düsternis blitzt gelegentlich eine fast biblische Hoffnung auf: die Rückkehr zum Mitmenschlichen als Heilung.
Dabei romantisiert THE LAST DAYS nichts. Die Reise durch die Kanalisationen Barcelonas ist auch eine Reise durch das moralische Graufeld, durch Schuld, Verdrängung, Einsamkeit. Was bleibt, ist das Fragment eines Gedankens: Der Mensch ist kein Einzelwesen. Wird er dazu gezwungen, verliert er seine Form.
Isolation als schleichender Tod: Die seelische Apokalypse von innen
Und so steht THE LAST DAYS heute als einer jener Filme, die unbeabsichtigt den Zeitgeist vorausgenommen haben. Er war nie als Pandemie-Film gedacht, und doch trifft er – retrospektiv – genau ins Zentrum der Debatte um soziale Gesundheit, mentale Stabilität und den schmalen Grat zwischen Sicherheit und Entfremdung.
Am Ende bleibt eine Warnung, die aktueller ist denn je: Die größte Gefahr ist nicht der Untergang der Welt – sondern, dass wir uns in unserer Angst voreinander verlieren.



