
Wo beginnt der Markt, und wo hört der Mensch auf? Eine Frage, die sich im feuilletonistischen Diskurs längst als Gemeinplatz entlarvt hat, deren Relevanz aber selten so elegant in Klang übersetzt wurde wie auf The Market, dem dritten Album der belgischen Band CUSTOMS. Bereits mit Enter the Characters und dem barock-dramatischen Nachfolger Harlequins of Love etablierten sich CUSTOMS als melancholische Dandys des europäischen Indie-Kontinents: große Gesten, dunkle Anzüge, schwermütige Hooks. Auf The Market nun beobachten sie das System, das all dies verschlingt – und tun es mit einer kühlen, fast sadistischen Eleganz. Der Sound wirkt zurückgenommener als zuvor, aber nicht leerer. Statt Postpunk-Dringlichkeit regieren nun Flächen, Beats und kontrollierte Spannungsbögen. Gitarren haben Konjunktur, aber nur als stilisierte Erinnerungen an frühere Eskalationen.
Der Gesang von KRISTOF UITTEBROEK – stets mehr stilistisches Mittel als Ausdruck vermeintlicher Authentizität – oszilliert zwischen resignierter Lakonie und einem kaum verborgenen Zynismus. Die Texte drehen sich um Kapital, Körper und Konsum, mal subtil, mal direkt. The Market ist keine Anklage, eher ein Abbild der Marktrealität, ein klingender Screenshot des neoliberalen Jetzt. Songs (deren Titel sich auf Streamingplattformen nur fragmentarisch verifizieren lassen) wirken wie Chiffren einer Ästhetik, in der die Liebe ebenso verhandelbar scheint wie der Strompreis. Was dabei besticht, ist die Fähigkeit der Band, sich selbst im Blick zu behalten – und damit ihre Hörer:innen gleich mit. CUSTOMS spielen nicht mit Authentizität, sie sezieren sie. Sie liefern Popsongs aus der Vitrine, perfekt kuratiert und fast zu schön, um wahr zu sein. Doch genau in dieser ästhetischen Künstlichkeit liegt die Wahrheit des Albums: Hier wird nichts verkauft, was nicht längst gekauft wurde.
Dass die Platte dabei dennoch funktioniert – auf dem Dancefloor wie im Diskursseminar – ist das eigentlich Bemerkenswerte. The Market ist ein Album über die Ware Musik, das sich selbst als solche inszeniert und trotzdem Bedeutung generiert. Und das ist, in einem Genre, das sich oft allzu gern auf altbewährte Emotionalitäten verlässt, fast schon revolutionär.



