Die Besten 2024 : JESSICA PRATT – „Here In The Pitch“ (City Slang); VÖ: 03.05.2024

Die Besten 2024 : JESSICA PRATT – „Here In The Pitch“ (City Slang); VÖ: 03.05.2024

Cover JESSICA PRATT - Here In The Pitch

Es gibt Stimmen, die sind weniger Gesang als Erscheinung – Erscheinungen, die flüchtig in unser Ohr treten, wie ein sich verflüchtigender Traum am frühen Morgen. Die kalifornische Musikerin JESSICA PRATT besitzt eine solche Stimme: verletzlich, eigenartig gebrochen, voller entrückter Grazie. Auf ihrem vierten Album Here In The Pitch setzt sie diese Stimme erneut in Szene, und doch wirkt alles auf subtile Weise anders, klarer, radikaler – als hätte sie nicht nur ihre künstlerische Sprache, sondern auch die Frequenz ihrer Welt neu justiert. Was JESSICA PRATT seit jeher auszeichnet, ist ihre entschiedene Verweigerung gegenüber jeder Form von Aktualität. Here In The Pitch könnte ebenso gut aus dem Jahr 1968 stammen, irgendwo zwischen britischem Acid Folk, französischem Chanson-Noir und kalifornischer Psychedelia. Doch es ist kein Nostalgiealbum. PRATT bedient sich keiner Zitate, keiner Retromanie. Ihre Musik wirkt eher wie aus der Zeit gefallen, wie ein Fragment aus einem Paralleluniversum, das durch Risse in der Gegenwart zu uns dringt.

Die neun Stücke auf Here In The Pitch sind Studien in Reduktion. Da sind Gitarren, die kaum berührt wirken, kaum gegriffen, eher gestreichelt. Ein Saxofon tritt hinzu, so spärlich wie ein verlorenes Geräusch im Wind. Ein Synthesizer haucht, Streicher säuseln, eine Orgel zittert in der Tiefe. Alles bewegt sich auf der Schwelle zur Stille. In einer Musikwelt, in der Lautstärke oft mit Ausdruck verwechselt wird, ist dieses Album ein Akt des ästhetischen Widerstands. Es ist die Stimme, die alles trägt. PRATT singt, als wäre Sprache zu direkt, zu grob – ihre Worte sind Umkreisungen, Schattenrisse von Bedeutung. Titel wie The Last Year, World On A String oder Empires Never Know klingen wie Kapitelüberschriften eines unsichtbaren Romans. Man versteht oft nicht, was sie singt – und doch begreift man alles. Dieses Album spricht nicht zum Verstand, sondern zum Raum zwischen den Gedanken. Auffällig ist die gesteigerte Präzision im Vergleich zum Vorgänger Quiet Signs. Wo jenes noch ein versponnenes Tagebuch war, ist Here In The Pitch ein bewusst komponiertes Kunstwerk – kammermusikalisch, konzentriert, mit formaler Disziplin, ohne an Leichtigkeit einzubüßen. Jeder Ton scheint notwendig, jedes Arrangement durchdacht. PRATT gelingt dabei das Kunststück, hochgradig artifizielle Musik zu machen, die gleichzeitig wirkt, als sei sie in völliger Unschuld entstanden.

In Zeiten algorithmischer Musikkuration und stromlinienförmiger Produktionen ist Here In The Pitch ein trotziges Manifest der Langsamkeit. Es verweigert sich nicht nur der digitalen Gegenwart, sondern auch jeder Erzählbarkeit im klassischen Sinne. Wer dieses Album hört, muss sich einlassen – auf das Zarte, das Brüchige, das Uneindeutige. Vielleicht ist Here In The Pitch kein „großes“ Album im emphatischen Sinn. Kein Ereignis. Kein Umsturz. Aber es ist ein seltenes – ein Album, das nicht versucht, gesehen zu werden, sondern gehört zu werden. Und zwar mit jenem inneren Ohr, das wir im Lärm des Alltags so oft verlieren. JESSICA PRATT hat es sich erhalten. Und lädt uns ein, für eine halbe Stunde dorthin zurückzukehren.