Wenn die Wirklichkeit hinter der Cloud verschwindet – „Missing“ (USA, 2023)
Jochen
Der Bildschirm ist der neue Schauplatz des Kinos. In Missing, der inoffiziellen Fortsetzung des Screenlife-Erfolgs Searching (2018), wird das Kino konsequent in den digitalen Raum verlagert – nicht nur als ästhetisches Experiment, sondern als Symptom einer Gesellschaft, die den Blick für das Reale längst verloren hat.
Der Film erzählt von der 18-jährigen June, deren Mutter während eines romantischen Urlaubs in Kolumbien spurlos verschwindet. Was folgt, ist kein klassischer Ermittlungsplot, sondern ein investigativer Kraftakt im digitalen Panoptikum: June nutzt Facetime, Google, Instagram, E-Mails, Sicherheitsvideos, digitale Bezahlvorgänge – kurzum: sie ermittelt mit Mitteln, die der spätkapitalistischen Normalität längst inhärent sind.
Was in Missing zunächst als Empowerment daherkommt – ein Teenager, der mittels Technik die eigene Handlungsmacht behauptet –, entlarvt sich bald als ideologische Falle. Der Film feiert die digitale Souveränität seiner Protagonistin, verschweigt dabei aber, dass diese Souveränität lediglich eine Simulation ist. June ist nicht frei, sondern vollständig eingebunden in einen Datenkosmos, der ihr Handlungsspielräume vorgaukelt – solange sie die richtigen Interfaces kennt und die richtigen Passwörter knackt.
So wird das Verschwinden der Mutter zur Chiffre für ein viel größeres, kulturelles Verschwinden: das der analogen Welt, der zwischenmenschlichen Nähe, der physischen Spur. Alles ist Oberfläche – und diese Oberfläche ist Screen. Die filmische Form folgt dieser Logik: Der Zuschauer sieht ausschließlich, was sich auf Junes Laptop abspielt. Der Film behauptet damit Authentizität, doch diese ist, wie das gesamte Erleben Junes, durchformt von Plattformen, deren Logik er nicht hinterfragt.
In der Tradition von Hitchcock arbeitet Missing mit Suspense – doch im Gegensatz zum Altmeister bleibt das Subjekt hier nicht psychologisch, sondern wird funktionalisiert: June wird zum Interface-Nutzer, zur Mauszeiger-Schubserin im Dienste der Narration. Emotionen sind codiert – mit Emojis, Likes, Systembenachrichtigungen. Selbst das Weinen geschieht vor der Kamera, während Zoom oder FaceTime noch aktiv sind.
Diese Medialität der Gefühle ist Ausdruck einer neoliberalen Struktur, in der alles – auch das Persönlichste – öffentlich, ökonomisch verwertbar und jederzeit abrufbar sein muss. Missing verhandelt dies nicht kritisch, sondern naturalisiert es – und genau hierin liegt seine ideologische Brisanz.
Interessant ist auch die geopolitische Dimension: Die Handlung verlagert sich teils nach Kolumbien, wo June mit Hilfe eines ortsansässigen Dienstleisters (klassenkomisch dargestellt) Nachforschungen anstellt. Der Film romantisiert hier den Zugriff des amerikanischen Bürgertums auf globale digitale Infrastrukturen – ein digitaler Imperialismus, der kaum reflektiert wird. Die Technik wird zur kolonialen Verlängerung der Macht, zur Waffe der Aufklärung.
Die omnipräsente Technologie ist nicht neutral – sie ist Mittel der Kontrolle. Dass June ihr Ziel schließlich mit fast übermenschlicher Kompetenz erreicht, stärkt eine gefährliche Erzählung: Wer Zugriff auf Technologie hat, kann sich selbst retten. Ein Mythos, der die realen strukturellen Machtverhältnisse ignoriert.
Missing ist ein formal cleverer Thriller – das steht außer Frage. Doch gerade diese Cleverness tarnt seine ideologische Leere. Er verkauft digitale Abhängigkeit als Emanzipation, Surveillance als Empowerment, Technik als Lösung. Das Kino wird zum Bildschirm – und mit ihm verliert der Zuschauer nicht nur das Bildhafte, sondern auch das Politische aus dem Blick.
Am Ende bleibt das Gefühl, einer Generation zugeschaut zu haben, die in einem permanenten Zustand der Selbstüberwachung lebt – und dies nicht als Zumutung, sondern als Möglichkeit begreift.
MISSING – Official Trailer (HD)
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