„Stimmen unter der Oberfläche“ – Ayham (28), Geflüchteter aus Syrien

„Stimmen unter der Oberfläche“ – Ayham (28), Geflüchteter aus Syrien

Stimmen unter der Oberfläche: Ayham

I.

„Ich erinnere mich noch an den ersten Tag in Deutschland. Es hat geregnet, und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Nur ein Blatt Papier mit einer Adresse drauf. Aber da war dieser Mann am Bahnhof. Er hat mich nicht gefragt, woher ich komme oder warum ich da bin. Er hat einfach gesagt: ‚Komm, ich zeig dir den Weg.‘“

Er schaut auf seine Hände. „Solche Dinge vergisst man nicht.“


II.

„Ich habe Jura studiert. Zwei Jahre, bevor der Krieg alles beendet hat. Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Krankenschwester. Wir hielten uns aus der Politik raus. Und dann, eines Tages, mussten wir fliehen. Der IS stand kurz vor der Stadt“

Ein Lächeln, traurig und höflich zugleich. „Du merkst, dass die Leute hier oft denken: ‚Die kommen aus einem anderen Leben.‘ Aber unser Leben war gar nicht so anders. Nur eben plötzlich zerstört.“


III.

„Ich möchte arbeiten. Unbedingt. Aber ich darf nicht. Als Asylbewerber habe ich keine Arbeitserlaubnis. Das steht so im Gesetz. Ich habe mich trotzdem beworben, gefragt, versucht – aber immer wieder kam die Antwort: ‚Nicht erlaubt.‘“

Er senkt die Stimme. „Ich will nicht rumsitzen. Aber das muss ich. Und dieses Warten … dieses ewige Warten macht einen kaputt.“


IV.

„Die Unterkunft ist eng. Vier Männer in einem Zimmer. Kein Rückzugsort. Immer Geräusche. Immer Unruhe. Manchmal fliegen Worte, manchmal Fäuste. Nicht, weil wir böse sind – sondern weil wir nichts zu tun haben. Keine Aufgabe. Kein Ziel. Nur Papierkram und Termine.“

Er atmet tief durch. „Die Langeweile wird zu Wut. Und keiner sagt uns, wie lange das noch so geht.“


V.

„Mein Asylverfahren läuft noch. Seit über einem Jahr. Ich weiß nicht, was kommt. Jeden Tag schaue ich in den Briefkasten und habe Angst. Vor dem Wort ‚abgelehnt‘. Vor Abschiebung. Vor der Rückkehr ins Nichts.“

Er blickt zur Seite. „Ich träume manchmal davon, dass ich aufwache und alles war nur ein Irrtum. Dass ich zurück kann. Aber nicht ins Syrien von jetzt. In ein anderes.“


VI.

„Ich sitze manchmal im Bus. Neben Menschen, die mich anschauen, als wäre ich ein Problem. Ich habe gelernt, nicht mehr zu reagieren. Pöbeleien, schiefe Blicke – sie treffen mich nicht mehr. Nicht, weil sie mir egal sind. Sondern weil ich sonst nicht durch den Tag kommen würde.“

Er fährt sich durch das Haar. „Ich bin schon angespuckt worden. Auf dem Marktplatz. Einfach so. Ich habe nichts gesagt. Ich hatte zu viel Angst, etwas zu sagen.“


VII.

„Was mir Angst macht, ist nicht der Hass. Es ist die Gewohnheit daran. Dass man sich daran gewöhnt, dass es so ist. In Syrien war das auch so. Erst redeten sie nur. Dann marschierten sie. Und dann war es zu spät.“

Er spricht ruhig, fast sachlich. „Ich sehe hier Parallelen. Nicht in allem, natürlich. Aber im Ton. Im Blick. In der Art, wie Menschen beginnen, Angst füreinander zu empfinden. Und sich dann zurückziehen. Erst innerlich. Dann räumlich.“


VIII.

„Ich würde gerne woanders hin. Vielleicht eine größere Stadt. Irgendwo, wo ich nicht auffalle. Wo die Menschen nicht so feindselig sind. Aber es gibt auch hier viele, die helfen. Die freundlich sind. Das darf man nicht vergessen. Es ist nicht das ganze Land, das hart ist. Nur manche Stimmen sind sehr laut.“


IX.

„Ich träume davon, nach Syrien zurückzukehren. Wenn Assad weg ist. Wenn es wieder möglich ist, zu leben, nicht nur zu überleben. Ich habe einen Bruder, der noch dort ist. Und manchmal frage ich mich, ob ich ihn wiedersehen werde.“

Er blickt in die Ferne. „Ich liebe dieses Land. Aber ich bin nur Gast. Ein Gast, der hilft, wenn man ihn lässt. Aber ich habe keine Einladung bekommen, zu bleiben. Nur eine Duldung.“


X.

„Neulich saß ich im Bus neben einem Mann. Er war vielleicht Anfang vierzig. Sehr ruhig. Blick nach unten. Hat nichts gesagt. Ich auch nicht. Vielleicht war er wie ich. Müde. Von einer Welt, die sich zu schnell dreht und zu laut geworden ist. Ich habe kurz überlegt, etwas zu sagen. Aber dann dachte ich: Vielleicht ist das Schweigen heute die sicherere Sprache.“