
Retro ist keine Stilfrage mehr, sondern ein Symptom. In einer Zeit, in der die Zukunft immer weniger Versprechen bereithält, scheint der Rückgriff auf die Vergangenheit nicht nur ästhetisch geboten, sondern beinahe notwendig. MODE MODERNE, ein kanadisches Kollektiv mit Hang zur Kultivierung des traurigen Blicks, liefern mit ihrem zweiten Album Occult Delight einen solchen Rückgriff – allerdings nicht als bloßes Zitatarchiv, sondern als bewusste Re-Inszenierung von Verlust, Romantik und Pop. Bereits der Opener Strangle the Shadows macht klar, wohin die Reise geht: schillernde Gitarrenflächen, die aus den Werkstätten von JOHNNY MARR stammen könnten, eine tiefe Stimme, die mit MORRISSEYs nasalem Pathos flirtet, und eine Rhythmik, die klingt, als hätte STEPHEN MORRIS die Drum-Machine bedient – das ist kein Post-Punk, das ist Post-Post-Punk, bewusst stilisiert und niemals ironiefrei.
Der Titel Occult Delight legt eine mystische Tiefe nahe, doch das Okkulte ist hier weniger esoterischer Kult als popkulturelle Metapher. Es geht um das Unaussprechliche in zwischenmenschlichen Beziehungen, um das Unsagbare zwischen Jugend und Reife, Begehren und Entfremdung. PHILIP INTILÉs Gesang changiert dabei zwischen croonerhafter Laszivität und fatalistischer Apathie – Unburden Yourself könnte ebenso gut ein Beichtstuhl-Motto wie eine nihilistische Entschuldigung sein.
Der Sound des Albums ist eklektisch und doch stringent: Grudges Crossed kanalisiert den Pop-Appeal von THE CURE, während Severed Heads mit martialischer Rhythmik und düsterer Bildsprache eher an BAUHAUS erinnert. Und wenn in Dirty Dream #3 das Begehren als schmutziger Tagtraum re-inszeniert wird, schwingt SCOTT WALKER’s Schatten mit – eine elegante Degeneration. Interessant ist, wie sehr das Album als geschlossenes System funktioniert. Es gibt keine Brüche, keine Ausreißer. Stattdessen etabliert sich ein ästhetisches Kontinuum, das seine Referenzen nicht versteckt, sondern überhöht: Baby Bunny etwa spielt mit der infantilen Metapher genauso wie mit der ironischen Überaffirmation. Der Kitsch wird nicht unterlaufen, sondern bejaht – und damit dekonstruiert.
Aber genau hier liegt auch die Schwäche (oder ist es doch die Stärke?) dieses Albums: Occult Delight will gefallen – aber auf die eigene, kaputte Weise. Es will tief wirken, ist aber vor allem Pose. Es zelebriert das Leiden, ohne es wirklich zu durchdringen. Es handelt von Dunkelheit – in perfekt ausgeleuchtetem Studiolicht. Und dennoch: Wenn der letzte Song Running Scared verklungen ist, bleibt etwas zurück. Keine Katharsis, aber ein Nachgeschmack – wie Zigarettenasche nach einem zu langen Gespräch über verlorene Lieben. MODE MODERNE liefern keinen Fortschritt, keine Revolution. Aber sie liefern Stil. Und manchmal reicht das.





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