
Es ist ein wenig unbillig, ein Album wie Everything Went Down As Planned im Jahr 2015 ausschließlich am Maßstab seiner vermeintlichen Originalität zu messen. Die Band A TALE OF GOLDEN KEYS aus Nürnberg tat gut daran, den Titel mit einem leisen Seufzer als Faktizität zu präsentieren. Denn ja, es lief alles ab wie geplant: Der Indie-Pop atmete tief ein, durchquerte die Bibliothek der letzten 20 Jahre von DEATH CAB FOR CUTIE bis zu den frühen, verspielten Arbeiten von THE SHINS und spuckte ein Werk aus, das in seiner makellosen, manchmal beinahe klinischen Güte das eigentliche Dilemma einer spätkapitalistischen Popkultur widerspiegelt: die Perfektionierung der Austauschbarkeit.
Das Trio liefert auf seinem Debüt ein Album ab, dessen größte Stärke in der Vermeidung des Extremen liegt. Musikalisch bewegen wir uns in einem warmen, gitarrenlastigen Klangraum. Verspielte und verzerrte Gitarren dominieren, die Rhythmen sind oft treibend, doch stets von einer ästhetischen Leichtigkeit unterwandert. Es ist ein Sound, der mehr nach dem wohligen Retro-Gefühl von 2005 klingt, als nach dem synthetischen Drängen der Mid-2010er Jahre. Das Tasteninstrument wird zwar geschickt eingesetzt, um wunderbare Klaviermelodien und eine gewisse Tiefe zu zaubern, doch es dominiert nie das Feld; es dient als dezenter emotionaler Resonanzraum. Dies ist kein Bombast, sondern vielmehr detailverliebter, gut arrangierter Kammer-Indie-Pop. Die Platte handelt nicht von Revolution oder Abgrund, sondern von der sorgfältig kuratierten Enttäuschung einer Generation, deren Aufwachsen selbst schon zum Soundtrack fürs Fernsehen normiert wurde. Es ist das musikalische Äquivalent zum gehobenen Mittelstand: gebildet, reflektiert, aber unfähig, die eigene Komfortzone ästhetisch zu unterwandern. Hier wird kein großes Drama inszeniert, sondern die subtile Agonie des Gelungenen.
Die eigentliche kulturelle Wirkung des Albums liegt daher weniger in seinem musikalischen Gehalt als in seiner Haltung: Everything Went Down As Planned manifestiert die neue Pop-Bescheidenheit. Die große Geste des Rock’n’Roll, die noch bei den frühen Britpop-Helden das Versprechen auf einen Ausbruch barg, wird hier ersetzt durch eine kluge, aber resignative Selbstpositionierung. Man weiß, wo man steht, man kennt die Vorbilder, und man entscheidet sich bewusst gegen den radikalen Bruch. A TALE OF GOLDEN KEYS sind keine Verräter der Rockgeschichte, sie sind deren gehorsame, talentierte Vollstrecker.
Die Platte ist insofern ein Artefakt der Apathie als Ästhetik. Es ist das Erwachsenwerden in einer Zeit, in der jeder Skandal, jede Nische und jede Subversion bereits digital archiviert und kommerzialisiert wurde. Was bleibt, ist die ehrliche, fast schon rührende Bemühung um handwerkliche Exzellenz. Dieses Album ist so gut produziert, dass es fast schon wehtut, weil es zeigt, wie viel Kompetenz nötig ist, um am Ende doch nur eine weitere Variation des Themas zu liefern.
Doch darin liegt die feuilletonistische Pointe: Everything Went Down As Planned ist nicht gescheitert. Es ist genau das geworden, was es sein musste: eine melancholische Bestandsaufnahme einer Kultur, die sich in endlosen Zyklen der Referenz und Repetition dreht. In einer hyper-vernetzten Welt, in der jede Information und jeder Sound sofort verfügbar ist, dient A TALE OF GOLDEN KEYS’ Album nicht als Kompass zu neuen Ufern, sondern als bequemes, wohltemperiertes Foyer, in dem man warten kann, bis die nächste, wirklich interessante Sache endlich passiert. Es ist der Sound des Stillstands, charmant, kompetent – und in seiner Harmlosigkeit zutiefst verstörend. Die Ironie ist, dass das Album genau damit einen kulturkritischen Nerv trifft: Es spielt die Rolle des makellosen, aber entbehrlichen Kunstwerks in einer Zeit, die vor allem letzteres produziert.





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