
Es ist schon bemerkenswert, wie sich der moderne Horrorfilm in seiner verzweifelten Suche nach Relevanz gerne dort einnistet, wo er sich am wohlsten fühlt: in den finsteren Gängen amerikanischer Highschools, den bröckelnden Theaterräumen schulischer Ambitionen und der ewigen Angst vor sozialer Bloßstellung. THE GALLOWS (USA, 2015), ein weiteres Werk aus der Gruselfabrik von BLUMHOUSE PRODUCTIONS, knüpft genau hier an – und liefert dabei ein Paradebeispiel für das, was passiert, wenn man dem Genre zu sehr auf Autopilot vertraut.
Man nehme: eine Handvoll blasser Teenager, ein altes Schuldrama mit Todesfolge, eine nächtliche Sabotageaktion in der Aula und – natürlich – die obligatorische Found-Footage-Ästhetik, die mittlerweile mehr mit Sehstörungen als mit Authentizität zu tun hat. Fertig ist der Geisterspuk, bei dem die Kamera stets im ungünstigsten Moment verrutscht, genau dann ausfällt, wenn es spannend werden könnte, und ironischerweise nur in den langweiligsten Momenten stabil bleibt.
Der Plot? Simpel, fast gemütlich. Vor zwanzig Jahren stirbt ein Schüler während einer Theateraufführung am Galgen. Heute wird das Stück erneut aufgeführt – weil natürlich niemand je auf die Idee gekommen ist, dass ein durch Tod entweihtes Bühnenwerk vielleicht nicht die beste Idee für ein Highschool-Revival ist. Als vier notorisch unsympathische Teenager beschließen, nachts die Kulissen zu zerstören (was Jugendliche eben so tun), geht das große Sterben los. Natürlich mit Nachtsichtkamera, keuchendem Atmen und kreischenden Teenagern in dunklen Fluren. Alles wie gehabt.
THE GALLOWS ist dabei nicht schlecht, weil er nichts Neues erzählt – sondern weil er vorgibt, mehr zu sein, als er ist. Die pseudopsychologische Tiefe, die das Theaterstück als Spiegel verdrängter Schuld inszenieren will, bleibt Behauptung. Weder Figuren noch Inszenierung geben Anlass, sich auch nur ansatzweise für das Schicksal der Protagonist*innen zu interessieren. Stattdessen verlässt sich der Film auf billige Schockmomente und ein paar neckische Perspektivwechsel, bei denen die Kamera möglichst schnell zur Seite gerissen wird, bevor man den „Boo!“-Effekt zu genau betrachten kann.
Schauspielerisch bewegt sich das Ensemble im Bereich schulischer Theater-AG – was, je nach Lesart, entweder meta-genial oder schlicht peinlich ist. Besonders der rächende Geist CHARLIE GRIMMILLE wirkt wie eine Kreuzung aus The Bye Bye Man und Slender Man, allerdings mit Theaterschminke und einem Faible für dramatische Auftritte im Halbdunkel. Der Galgen, so viel sei gesagt, kommt häufiger zum Einsatz als das Drehbuch es verdient hätte.

Dabei hat der Film durchaus Momente. Man spürt die klaustrophobische Enge der Schulflure, die Stille kurz vor dem nächsten Knall, das rhythmische Knarzen eines Stricks. Aber all das verkommt zur Staffage, weil dem Film eines fehlt: ein eigenes Gesicht. Er reiht sich ein in die lange Liste gesichtsloser Horrorbeiträge der 2010er – nicht mutig genug, um trashig zu sein, nicht klug genug, um subtil zu wirken.
Das Ende – ein halbgarer „Twist“ mit überdeutlichem Augenzwinkern – kommt dann auch eher wie ein pflichtbewusstes Nicken an die Zuschauer daher, die das alles so oder so schon kommen sahen. Wie eine Schultheateraufführung, bei der alle Beteiligten heimlich hoffen, dass der Vorhang möglichst bald fällt.
Fazit: THE GALLOWS ist kein Desaster, aber ein müdes Echo eines Genres, das sich nach wie vor lieber hinter Vorhängen versteckt als die Bühne wirklich zu nutzen. Wer Popcorn-Horror mit vorhersehbarer Dramaturgie und flackernder Kamera sucht, wird solide bedient. Wer allerdings Theater, Geister oder Teenager jemals mochte, sollte lieber draußen auf frische Luft hoffen – oder auf eine bessere Aufführung.
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