Die Besten 2024 : AMYL AND THE SNIFFERS – „Cartoon Darkness“ (Rough Trade); VÖ: 25.10.2024

Die Besten 2024 : AMYL AND THE SNIFFERS – „Cartoon Darkness“ (Rough Trade); VÖ: 25.10.2024

Cover AMYL AND THE SNIFFERS - "Cartoon Darkness"

Es beginnt mit einem Knall. Und endet mit einer Umarmung unter Punks. AMYL AND THE SNIFFERS liefern mit Cartoon Darkness ihr bislang ambitioniertestes Werk ab – eines, das sich durch Differenz auszeichnet: zwischen Form und Inhalt, Aggression und Reflexion, Lautstärke und Leerstelle. Während ihr 2021er-Werk Comfort To Me noch wie ein unkontrollierbares Wurfgeschoss durch die Playlists schleuderte, ist Cartoon Darkness weniger wütend, aber weitaus wacher. AMY TAYLOR, die unerschrockene Stimme der Band, hat nicht etwa ihre Schärfe verloren – im Gegenteil: Sie hat sie geschärft. Die Attacke kommt nun nicht mehr blind aus dem Bauch, sondern zielt bewusst aus dem Kopf. Das Album ist politisch, ohne Parolen zu rufen. Es ist feministisch, ohne Predigt. Und es ist Punk, ohne sich von seinen eigenen Dogmen auffressen zu lassen.

Produziert von NICK LAUNAY, einem Veteranen der Underground-Ökonomie (INXS, NICK CAVE, MIDNIGHT OIL), klingt dieses Album geerdeter, wärmer, bewusster. Hier wird Punk nicht dekonstruiert, sondern gereift. Die Songs – die wir an dieser Stelle bewusst nicht einzeln sezieren – bewegen sich zwischen rauem Riff-Getöse und beinahe bluesiger Introspektion. Wo früher nur der Vorschlaghammer regierte, erlaubt sich die Band nun auch feine Schneidewerkzeuge. Das ist keine Verwässerung, sondern eine Form von Fortschritt – ganz im Sinne postmoderner Subversion, wie sie einst bei THE FALL oder LE TIGRE aufleuchtete.

Cartoon Darkness ist auch ein Album der Ambivalenz. Die titelgebende Dunkelheit ist keine Pose, sondern Reaktion: auf die zunehmende Fragmentierung des Realen durch digitale Überlagerung, auf politische Radikalisierung, auf toxische Männlichkeit in Neonlicht und Foren-Kommentaren. AMY TAYLOR zeigt sich hier nicht nur als Performerin, sondern als kritische Chronistin – scharf beobachtend, ironisch verzerrend, niemals anbiedernd. Dass sie dabei auch ihre eigene Rolle hinterfragt, macht die Platte umso interessanter. Denn was passiert, wenn Punk nicht mehr nur rebellisch, sondern auch erfolgreich ist? Wo andere Bands an dieser Stelle ins Autotune-Meer kippen oder in Retro-Pose erstarren, entscheiden sich AMYL AND THE SNIFFERS für einen anderen Weg: Sie strecken den Mittelfinger aus – nicht mehr nur nach außen, sondern auch nach innen. Die Selbsthinterfragung ist kein Widerspruch zum eigenen Mythos, sondern dessen Weiterentwicklung.

Dass dabei nicht jeder Track zündet, dass manche Zeilen eher Slogans als Substanz sind – geschenkt. Cartoon Darkness ist kein perfektes Album. Aber es ist ein relevantes. Es ist ein wütender, kluger Kommentar zur Gegenwart. Und das ist, was Punk 2025 sein sollte.