
Es ist beinahe ironisch, dass ausgerechnet eine Band, die sich in den vergangenen Jahren vor allem durch ihre Rückbesinnung auf archaische Extreme-Metal-Formeln hervorgetan hat, nun mit einem Werk auftritt, das eher wie ein Manifest einer spirituellen Avantgarde klingt. Mit Absolute Elsewhere öffnen BLOOD INCANTATION ein Tor, das weniger ins Höllenfeuer führt, sondern vielmehr in jene kosmischen Abgründe, die unsere Vorstellungskraft nur unzureichend umreißen kann. Die Band, die seit Hidden History Of The Human Race (2019) den Death Metal an die Grenzen der Esoterik und Science-Fiction geführt hat, setzt mit ihrem 2024er-Album alles auf eine Karte: Verweigerung der Erwartung, Hingabe an das Rätselhafte.
Schon die Struktur des Albums verrät, dass hier nicht einfach Songs aneinandergereiht werden, sondern ein Zyklus inszeniert ist. The Stargate und The Message, beide in drei „Tablets“ untergliedert, sind keine bloßen Stücke, sondern Kapitel einer hermetischen Liturgie. Wer ein klassisches Death-Metal-Gewitter erwartet, hört sich rasch in einer Klanglandschaft wieder, die zwischen Ambient-Drone, sakralem Minimalismus und psychedelischer Endlosigkeit oszilliert. Die Gitarren sind nicht mehr nur Riffmaschinen, sondern werden zu Resonanzkörpern einer Zeitlosigkeit, die irgendwo zwischen PINK FLOYDs Ummagumma, TANGERINE DREAMs kosmischen Soundtracks und der dunklen Spiritualität von DEAD CAN DANCE angesiedelt ist – allerdings mit dem bedrückenden Nachdruck einer Metal-Band, die gelernt hat, dass Stille gefährlicher sein kann als jede Blastbeat-Orgie.
Szeneintern mag dieses Album ein Schock sein, aber es ist ein Schock von jener Art, der Türen öffnet. BLOOD INCANTATION haben sich längst als enfant terrible des Death Metal positioniert. Mit Timewave Zero (2022) wagten sie erstmals den Schritt in rein elektronische Ambient-Gefilde. Absolute Elsewhere radikalisiert diese Geste, indem es die Versatzstücke von Metal nicht negiert, sondern in einen sakralen Zusammenhang hebt. Das Resultat ist ein Werk, das sich eher in der Tradition okkulter Krautrock- und Space-Music-Projekte verortet, ohne dabei die Gravitation der Extreme-Metal-Szene zu verlassen. Die Haltung, die hier zum Ausdruck kommt, ist eine der Verweigerung gegenüber der reinen Funktionalität von Musik. Kein Soundtrack für den Moshpit, kein Album zum „Durchhören“ zwischen Arbeitsweg und Feierabendbier. Absolute Elsewhere verlangt Aufmerksamkeit, ja geradezu kontemplative Versenkung. In einer Zeit, in der Streaming-Algorithmen Tracks nach 30 Sekunden Aufmerksamkeit bewerten, stellen BLOOD INCANTATION mit ihren epischen 20-Minuten-Tablets einen Affront dar. Hier geht es nicht um Hooks, sondern um Transformation. Die Reise, die das Album anbietet, lässt sich nicht skippen; sie verlangt Unterwerfung unter den Fluss des Klangs.
Gerade deshalb ist Absolute Elsewhere ein kulturelles Statement: ein Gegenentwurf zur Hyperfragmentierung der Gegenwart. Die Band konfrontiert ihre Hörer:innen mit der Notwendigkeit, Geduld zu entwickeln, sich auf Längen einzulassen, die jede gängige Konsumlogik sprengen. Damit knüpfen BLOOD INCANTATION an eine Haltung an, die man aus der Dark- und Gothic-Szene der 90er Jahre kennt: jenes Beharren darauf, dass Musik nicht Ware, sondern Ritual ist. Inhaltlich wird das Ganze getragen von einem Vokabular, das zwischen Esoterik, Science-Fiction und hermetischer Philosophie changiert. Schon die Titel The Stargate und The Message lassen an transzendente Durchgänge und apokryphe Offenbarungen denken. Die Aufteilung in „Tablets“ evoziert das Bild uralter Schrifttafeln, wie sie von untergegangenen Zivilisationen zurückgelassen wurden. Hier verbinden sich Mythen der Vergangenheit mit der Science-Fiction-Vision einer posthumanen Zukunft. So entsteht ein kultureller Hybrid: ein okkultes Science-Metal-Epos, das zugleich nach innen wie nach außen weist.
Man könnte sagen, Absolute Elsewhere sei der Versuch, eine Szene, die oft in den Mustern der Nostalgie gefangen bleibt, zu einem Akt der Erneuerung zu zwingen. Doch das Album verweigert sich auch der Funktion als „neues Genre“ oder „Trend“. Stattdessen setzt es eine andere Logik durch: die Logik des Epos, der Meditation, der Zeitdehnung. Wer diese 40 Minuten übersteht – und das ist das richtige Wort –, kommt verändert heraus. Natürlich, das Album wird spalten. Den einen wird es zu wenig „Metal“ sein, den anderen zu anstrengend in seiner spirituellen Ernsthaftigkeit. Doch genau darin liegt seine Wirkung: BLOOD INCANTATION legen die Axt an das Erwartbare und öffnen damit Räume, die jenseits des Etablierten liegen. In einer Szene, die oft allzu gern zwischen Nostalgie (Old-School) und Marktlogik (Festival-tauglich) oszilliert, ist Absolute Elsewhere ein Werk von fast trotzigem Eigensinn.
Vielleicht ist es genau das, was die Szene heute braucht: ein Werk, das sich nicht erklären, nicht entschuldigen und schon gar nicht verkaufen will. Sondern eines, das einfach existiert – absolut anderswo.





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