Die Besten 2024 : IDLES – „Tangk“ (Partisan Records); VÖ: 16.02.2024

Cover Idles - Tangk

Mit „Tangk“ präsentieren IDLES ihr mittlerweile fünftes Studioalbum und setzen einen unerwarteten, aber faszinierenden neuen Kurs in ihrer musikalischen Entwicklung. Bekannt für ihren wütenden, gesellschaftskritischen Post-Punk-Sound, überraschen die Briten hier mit einer experimentellen Mischung aus Art-Rock, Dance-Punk und elektronischen Einflüssen. Doch funktioniert dieser mutige Richtungswechsel? Oder hat jemand einfach nur die Bassgitarre durch einen Synthesizer getauscht und gehofft, es fällt niemandem auf? Bereits der erste Eindruck zeigt: „Tangk“ klingt anders. Das liegt nicht zuletzt an der Produktion von Nigel Godrich (RADIOHEAD) und Kenny Beats, die den rohen Sound von IDLES verfeinern und strukturieren. Statt chaotischer Lärmgewalt setzen die Songs auf durchdachte Rhythmen, mitreißende Grooves und überraschend tanzbare Arrangements. Besonders „Dancer“ mit Unterstützung von James Murphy und Nancy Whang (LCD SOUNDSYSTEM) zeigt sich als treibender Clubtrack mit hypnotischer Energie – ein Sound, den man in dieser Form von IDLES nicht erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass IDLES uns irgendwann einmal zum Tanzen statt zum Kopfnicken zwingen würden?

Lyrisch vollzieht die Band ebenfalls einen Wandel. Wo früher Frust, Aggression und Gesellschaftskritik dominierten, stehen diesmal Liebe, Dankbarkeit und Selbstakzeptanz im Mittelpunkt. Sänger Joe Talbot zeigt sich von einer verletzlicheren Seite, reflektiert in „Gift Horse“ über persönliche Verluste und entdeckt die Schönheit im Chaos. Auch wenn diese Positivität im ersten Moment irritieren mag – man wartet quasi darauf, dass irgendwann jemand „Ironie!“ schreit –, überzeugt sie durch Ehrlichkeit und Tiefgang. Doch bedeutet dieser Wandel einen Bruch mit der Vergangenheit? Keineswegs. IDLES bleiben IDLES – energiegeladen, mitreißend und charismatisch. Sie beweisen, dass Weiterentwicklung nicht mit Identitätsverlust einhergeht. Songs wie „POP POP POP“ und „Hall & Oates“ zeigen, dass die Band weiterhin mit Wucht und Druck arbeitet, nur auf einer neuen, feineren Ebene. Sie haben quasi ihre Wut in einen schicken Anzug gesteckt und mit ein bisschen Glitzer bestreut – und es funktioniert überraschend gut.

Natürlich könnte man kritisieren, dass „Tangk“ an manchen Stellen weniger direkt und bissig ist als frühere Werke. Fans, die sich nach der rohen Kraft von „Joy as an Act of Resistance“ oder „Ultra Mono“ sehnen, könnten hier etwas vermissen. Doch gerade die Offenheit für neue Klangwelten macht dieses Album so spannend – und ehrlich, wie oft kann man noch das gleiche „Wütender-Mann-brüllt-über-gesellschaftliche-Probleme“-Album aufnehmen, bevor es langweilig wird? „Tangk“ ist ein alles in allem ein mutiger Schritt für IDLES – ein Album, das ihre Grenzen neu definiert, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Es vereint tanzbare Rhythmen mit emotionaler Tiefe und zeigt eine Band, die sich weiterentwickelt, ohne ihre Energie zu verlieren. Ein Werk, das polarisieren mag, aber genau darin seine Stärke findet. Und wenn nichts anderes hilft: Einfach mal ein Tänzchen wagen – Joe Talbot würde es sicher begrüßen.