Die Besten 2024 : KHRUANGBIN – „A La Sala“ (Dead Oceans/ Cargo); VÖ: 05.04.2024

Die Besten 2024 : KHRUANGBIN – „A La Sala“ (Dead Oceans/ Cargo); VÖ: 05.04.2024

Cover KHRUANGBIN - "A La Sala"

Es gibt Bands, die die Popgeschichte dadurch prägen, dass sie ihre Klangsprache mit jeder Veröffentlichung radikal neu erfinden. Und es gibt KHRUANGBIN, die genau das Gegenteil tun – und darin ebenso konsequent sind. Ihr viertes Studioalbum A La Sala ist ein Statement der Beharrlichkeit, der Verlangsamung, der Weigerung, sich dem unablässigen Innovationsdruck der Gegenwart zu beugen. Schon der Titel – übersetzt „zum Wohnzimmer“ – macht klar, dass hier nicht die große Bühne gesucht wird, sondern ein intimer Rückzugsraum. KHRUANGBIN bestehen nach wie vor aus MARK SPEER (Gitarre), LAURA LEE (Bass) und DONALD „DJ“ JOHNSON (Drums). Ein Trio, das längst zu einer Marke geworden ist: Vintage-Looks, coole Lässigkeit, eine Soundästhetik irgendwo zwischen Psychedelic, Dub, Funk und imaginären Exotismen. Wer einmal ein Live-Set der Band gesehen hat, weiß: Es geht um Trance, nicht um Hooks. Um Atmosphären, nicht um Refrains. Um einen Groove, der endlos zirkulieren könnte, bis man selbst nicht mehr weiß, ob zehn oder hundert Minuten vergangen sind.

A La Sala führt dieses Prinzip weiter – und reduziert es noch einmal. Nach den Kollaborationen mit LEON BRIDGES oder den fast schon poppigen Ansätzen auf Mordechai kehren KHRUANGBIN hier zurück zum Kern: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Keine großen Features, keine prägenden Vocals, keine Überraschungsgäste. Die Stücke sind fast durchgehend instrumental, mit nur vereinzelten Stimmen, die eher wie ein Hauch aus dem Off wirken als wie klassischer Gesang. Das eröffnet Raum. Schon der Opener Fifteen Fifty-Three macht klar, wohin die Reise geht: Minimalistische Bassfigur, flirrende Gitarrenlinien, sparsame Drums – mehr braucht es nicht, um eine Atmosphäre zwischen Tagtraum und Halbschlaf zu erzeugen. May Ninth klingt wie ein verloren gegangener Bossa-Nova-Entwurf, der nie fertig werden musste, weil sein Zauber gerade im Fragmentarischen liegt. Farolim De Felgueiras trägt den Namen eines Leuchtturms in Portugal, und genau so klingt das Stück auch: Gitarre als Möwenruf, Bass als Atlantikströmung, Schlagzeug als sanftes Schäumen der Wellen.

Besonders gelungen sind die Momente, in denen KHRUANGBIN kleine, aber spürbare Fremdklänge einflechten: Pon Pón und Todavía Viva atmen lateinamerikanische Rhythmen, ohne in touristischen Crossover-Kitsch abzugleiten. Juegos Y Nubes wirkt wie ein surrealer Soundtrack zu einem Kindertraum, irgendwo zwischen Spielplatz und Wolkenmeer. Und Caja De La Sala, das Herzstück des Albums, destilliert den Wohnzimmergedanken: ein intimes Intermezzo, fast wie eine private Session, die zufällig mitgeschnitten wurde.

Doch so sehr diese Musik schwebt, so sehr stellt sich auch die Frage: Ist das noch Innovation oder schon bloße Repetition? Kritiker werden anmerken, dass sich KHRUANGBIN seit Jahren in denselben Loops bewegen, dass das Überraschungsmoment längst fehlt. Tatsächlich unterscheidet sich A La Sala kaum in seiner Grundidee von den Vorgängern. Der Unterschied liegt im Grad der Reduktion: Weniger Pop, weniger Gesang, weniger Ambition, mehr Intimität. Ein Album, das sich weigert, größer zu werden – und gerade darin Haltung zeigt. KHRUANGBIN verweigern die Dringlichkeit, sie verweigern den nächsten TikTok-tauglichen Beat, sie verweigern überhaupt jede Form der Beschleunigung. Stattdessen schaffen sie ein Album, das man nicht nebenbei hören sollte, sondern das verlangt, sich in seinen Kreisen und Mustern zu verlieren.

Das Finale Les Petits Gris zeigt, wie subtil dieser Ansatz sein kann: ein kleines, fast spielerisches Stück, das das Album ausklingen lässt wie ein Sketch, ein beiläufiger Pinselstrich, bevor die Leinwand endgültig weiß bleibt.

Man kann A La Sala also als Stillstand lesen. Oder als mutige Verlangsamung. In jedem Fall ist es ein Werk, das KHRUANGBINs Sonderstellung im Popbetrieb bestätigt. Diese Band hat sich längst von der Logik des Fortschritts verabschiedet. Sie kultiviert die Wiederholung, die Variation des Immergleichen, und schafft damit einen Ort, an dem die Zeit ein wenig weniger drängend erscheint. Ein Wohnzimmer, in dem man bleiben möchte, auch wenn draußen die Welt immer schneller dreht.

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