
Wie ein seismografisches Rauschen, das aus dem Innersten kommt und sich leise durch die Haut in die Welt schreibt – so fühlt sich Erregung an, das neue Album von KLEZ.E. Keine Explosion, kein Aufschrei. Sondern ein Zittern. Ein Flirren zwischen Nähe und Flucht, zwischen politischer Spannung und emotionaler Offenheit. Die acht Songs der Berliner Band um TOBIAS SIEBERT sprechen eine Sprache, die sich der Eindeutigkeit verweigert – und gerade dadurch eine seltene Tiefe entfalten. KLEZ.E haben längst ihren festen Platz in der deutschen Musiklandschaft gefunden – nicht als Hitmaschine, nicht als laut tönende Stimme der Empörung, sondern als feinfühlige Chronisten einer fragilen Gegenwart. Mit Erregung gelingt ihnen ein Album, das diese Position weiter schärft: Es ist verdichtet, klar, eindringlich – und dabei so leise, dass man näher herantreten muss, um es wirklich zu hören. Doch wer das tut, wird belohnt mit einer Musik, die bleibt, sich festsetzt, lange nachhallt.
Die musikalische Handschrift ist sofort wiedererkennbar. KLEZ.E verknüpfen Shoegaze-Elemente mit New-Wave-Ästhetik, elektronische Flächen mit verhallten Gitarren, melancholische Ruhe mit eruptiven Momenten innerer Bewegung. Dabei gelingt es der Band, auf Erregung offener und gleichzeitig fokussierter zu klingen als zuvor. Die Songs wirken wie skulptural modelliert – jeder Ton, jede Pause ist präzise gesetzt, jede Zeile sorgfältig formuliert. Die Produktion von TOBIAS SIEBERT selbst – gewohnt aus dem bandeigenen Radio Buellebrueck Studio – ist von einer fast asketischen Klarheit: kein überflüssiger Zierrat, keine stilistischen Eitelkeiten. Alles ist auf das Wesentliche konzentriert.
Stilistisch und stimmlich bleibt die Nähe zu THE CURE unüberhörbar. Doch während ROBERT SMITH gerne ins Expressive, Exaltierte kippt, bleibt TOBIAS SIEBERTs Vortrag stets kontrolliert, beinahe scheu. Seine Stimme scheint weniger ausgestellt als vielmehr zugelassen – sie kommt nicht von oben herab, sondern aus der Mitte eines tastenden Selbst. Diese Zurückhaltung ist keine Schwäche, sondern Ausdruck einer Haltung: Das Ich steht nicht im Zentrum, sondern im Zwischenraum, im Übergang, im Zweifel. Textlich umkreisen die Songs auf Erregung große Themen – Verlust, Begehren, Einsamkeit, Erschöpfung – und doch bleiben sie immer konkret genug, um andocken zu können. Keine Parolen, keine Metaphernwalzen, keine allwissende Pose. Stattdessen: tastende Formulierungen, die offen lassen, was genau gemeint ist – und genau darin das Gefühl von Wahrhaftigkeit erzeugen. Die Sprache denkt mit, zögert, sucht. Und wird so zum Spiegel einer Welt, in der das Offene oft radikaler ist als das Geschlossene.
In einer Zeit, in der sich viele Alben im Strom algorithmischer Aufmerksamkeit zerreiben, ist Erregung ein bewusster Gegenentwurf. Es ist ein Werk, das sich nicht anbiedert, nicht erklären will, sondern einen Raum eröffnet: für Reflexion, für Gefühl, für Langsamkeit. Vielleicht ist das das Mutigste, was Popmusik heute leisten kann. KLEZ.E legen mit Erregung ein Album vor, das unzeitgemäß im besten Sinne ist – ein Werk, das sich der ständigen Reizüberflutung verweigert und stattdessen in die Tiefe geht. Wer sich darauf einlässt, wird nicht mit sofortiger Erleuchtung belohnt, sondern mit etwas Kostbarerem: mit der Erfahrung, dass Stille laut sein kann. Und dass Musik auch dann wirkt, wenn sie sich nicht aufdrängt. Gerade dann.
Promo-Foto von Andreas Hornoff




