Die Besten 2024 : MJ LENDERMAN – „Manning Fireworks“ (ANTI- / Epitaph / Indigo); VÖ: 06.09.2024

Die Besten 2024 : MJ LENDERMAN – „Manning Fireworks“ (ANTI- / Epitaph / Indigo); VÖ: 06.09.2024

Cover MJ Lenderman - "Manning Fireworks"

Von einem, der auszog, die Pedal-Steel-Gitarre zu zähmen – und dabei über seine eigenen Schnürsenkel stolperte: MJ LENDERMAN hat mit Manning Fireworks ein Album vorgelegt, das in seiner Unaufgeregtheit berührt, weil es genau weiß, wie es klingt, wenn man nichts mehr beweisen will – außer, dass das Scheitern noch immer eine Erzählung wert ist.

Wer MJ LENDERMAN erst seit Boat Songs (2022) kennt, wird überrascht sein, wie sehr sich der einstige WEDNESDAY-Gitarrist aus dem Slacker-Schluffi-Kosmos herausgeschält hat – ohne ihn je ganz zu verlassen. Geboren und verwachsen mit Asheville, North Carolina, wurde JAKE LENDERMAN zum lakonischen Chronisten einer Generation, deren Sensibilität nicht in Twitter-Bios, sondern in überfahrenen Waschsalons und leergetrunkenen Bierdosen manifest wird. Manning Firewalls, sein nunmehr viertes Soloalbum, ist kein großer Wurf im klassischen Sinne, sondern ein präzise geworfener Stein ins Schaufenster amerikanischer Männlichkeitsmythen.

Gleich der Titeltrack Manning Fireworks bringt das Prinzip des Albums auf den Punkt: unter drei Minuten, schrammelig, lakonisch, voll innerer Spannung. Die Referenz an Football-Ikone ELI MANNING mag zunächst irritieren, erweist sich aber als eleganter Kurzschluss zwischen maskuliner Projektionsfläche und abgebrannter Mythologie. Überhaupt, Sport und Scheitern: LENDERMANs Texte sind voll solcher Miniaturen des Bedeutungsverlusts. Joker Lips etwa tänzelt auf der Rasierklinge zwischen Klamauk und Depression – eine Talentprobe in Sachen Textökonomie. Musikalisch bleibt LENDERMAN seinem altbekannten Set-up treu: kratzige Gitarren, die klingen, als hätte man sie beim Pfandleiher gekauft, eine Pedal Steel, die sich durch Wristwatch zieht wie ein vergessener Liebesbrief, und ein Drumming, das stets klingt, als spiele jemand zum ersten Mal auf einem zerlegten Country-Schlagzeug. Doch diese Rohheit ist kein Mangel, sondern Methode – ein Gegenentwurf zum überproduzierten Americana-Pathos à la Nashville.

In She’s Leaving You (mit KARLY HARTZMAN im Duett) kulminiert das Album in einem klebrigen Hotelzimmer in Las Vegas, in dem zu viele Drinks, zu wenig Liebe und der Staub vergangener Entscheidungen in der Luft hängen. Der Humor? Trocken wie eine vergessene Lime Margarita. Der Schmerz? Echt. Der Witz? Immer auch ein Mittel zur Distanz. Wenn Rip Torn einen vergessenen Schauspieler beschwört, dann nicht aus nostalgischer Pose, sondern aus einem Gefühl der Verwobenheit mit Figuren, die nie richtig glänzten. Und wenn You Don’t Know The Shape I’m In sich an eine THE BAND-Referenz anlehnt, dann nicht ironisch, sondern als melancholischer Schulterschluss über Generationen des Entgleisens hinweg. Am Ende steht Bark At The Moon – zehn Minuten Feedback, Songfragment, Abschied, Witz, Ausbruch, Selbstauflösung. Wer hier noch auf Struktur hofft, hat das Album nicht verstanden. Es ist der gespenstische Abgang eines Mannes, der noch einmal lauthals gegen die Nacht ankläfft, ohne zu wissen, ob jemand zuhört.

Manning Fireworks ist kein Album, das laut um Aufmerksamkeit buhlt. Es leuchtet nicht grell, es blitzt nicht, obwohl es das Wort Feuerwerk im Titel trägt. Es ist ein flackerndes Licht in der Dämmerung einer Ästhetik, die lieber die eigenen Schwächen entblößt als mit Pose zu kaschieren. MJ LENDERMAN beweist: Die Zukunft des Americana liegt in den Händen derer, die keine Helden sein wollen. Und das ist vielleicht das Aufregendste, was man 2024 hören kann.