
PEARL JAM veröffentlichen mit Dark Matter ein Album, das so tut, als hätte die Band niemals die Altersmilde der letzten zwei Jahrzehnte erdulden müssen – und doch genau davon profitiert. Dreißig Jahre nach dem Grunge-Schock von Ten werfen sich die Überlebenden einer Ära erneut in den Ring, nicht als nostalgische Coverband der eigenen Mythen, sondern als altgediente Boxer, die gelernt haben, wann man ausholt und wann man besser die Deckung hochzieht.
Dark Matter ist keine Revolution, aber ein dezentes Statement gegen den Zahn der Zeit. Schon Scared of Fear rauscht los, als müsse man den Beweis antreten, dass Rockgitarren noch eine Daseinsberechtigung haben, irgendwo zwischen MCREADY’s klassischen Riffs und VEDDER’s baritonalem Donnerhall. Der Titelsong Dark Matter schiebt sich anschließend mit der Eleganz einer Bandmaschine durch den Raum – fett produziert von ANDREW WATT, dem Mann, der offenbar beschlossen hat, dass auch Mittfünfziger wieder so klingen dürfen, als hätten sie gerade die Kellergarage verlassen. Natürlich gibt es die erwartbaren Hymnen für das große Stadion, Songs wie Won’t Tell oder Got to Give, die mit erhobener Faust, aber einem Augenzwinkern daherkommen. Und dazwischen jene nachdenklicheren Momente, in denen PEARL JAM das eigene Altern inszenieren, ohne dabei ins Larmoyante abzugleiten: Upper Hand klingt, als ob ein Abendlicht durch den Proberaum fällt, während Something Special fast trotzig behauptet, man könne immer noch Sentimentalität riskieren, ohne kitschig zu wirken.
Die Texte? Wie immer schwankend zwischen Weltschmerz und Alltagsmelancholie. Waiting for Stevie und Running zeigen, dass die Band noch immer Lust hat, politische Spitzen zu setzen – aber subtil, als wolle man sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, im Jahre 2024 nur noch Phrasen zu dreschen. VEDDER brüllt nicht mehr gegen das Establishment, er knurrt mit dem Wissen eines Mannes, der zu lange dabei ist, um an schnelle Siege zu glauben. Das Faszinierende ist vielleicht gerade diese Balance: Dark Matter ist zu routiniert, um gefährlich zu wirken, und gleichzeitig zu bissig, um einfach als Spätwerk im Regal zu verstauben. Die Produktion von WATT ist dabei zweischneidig – straff, modern, kraftvoll –, und doch schimmert darunter der alte Dreck der Garage durch. Man kann sich vorstellen, dass es PEARL JAM genau darauf ankam: kein Denkmal, sondern ein vitales Weiterleben im Hier und Jetzt.
Am Ende wirkt Dark Matter wie ein trotziges Schulterzucken: Ja, wir sind noch da. Ja, wir spielen immer noch lauter als eure Kinderbands. Und nein, wir haben keine Lust, uns ins Museum stellen zu lassen. Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man PEARL JAM heute machen kann: Sie klingen immer noch, als hätten sie nichts anderes vor.





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