
Mit Nonetheless legen die PET SHOP BOYS ein Album vor, das auf subtile Weise das Zeitgefühl der Gegenwart einfängt – und dabei so klingt, als wären Neil Tennant und Chris Lowe nie weg gewesen. Nach einer produktiven Phase auf dem bandeigenen Label x2 markiert dieses Werk die Rückkehr zu Parlophone und damit ein Stück musikalische Heimkehr. Produziert von James Ford (u. a. DEPECHE MODE, ARCTIC MONKEYS), gelingt ihnen ein bemerkenswert stilsicheres Spätwerk: emotional aufrichtig, klanglich elegant, textlich tief.
Bereits der Opener Loneliness zeigt, wohin die Reise geht: Keine dramatischen Gesten, sondern eine stille Hymne auf das Alleinsein, getragen von minimalistischen Synthflächen und einem fast sakral wirkenden Tonfall. Die Musik wirkt entschleunigt, das Arrangement lässt Raum zum Atmen – ein Zeichen der Reife, aber auch der Selbstsicherheit. Tennants Stimme ist so präsent wie selten in den letzten Jahren, beinahe fragil, aber immer kontrolliert. Die PET SHOP BOYS waren schon immer Meister des Understatements – hier perfektionieren sie es. Nonetheless oszilliert zwischen elektronischer Reduktion und orchestraler Wärme. Songs wie A New Bohemia oder The Secret of Happiness verweben Streicherarrangements mit elektronischen Texturen zu einer Klangwelt, die vertraut wirkt und zugleich neue Perspektiven eröffnet. Der Einfluss von Produzent Ford zeigt sich dabei in der Balance: Nichts ist überproduziert, nichts klingt steril. Es ist ein Sound von heute, der aber tief im eigenen Erbe wurzelt. Textlich ist Nonetheless ein leises, aber durchdringendes Statement. New London Boy etwa ist nicht nur eine Rückschau auf Clubnächte und Selbstfindung, sondern auch ein queeres Erinnerungsstück über Aufbruch und Zugehörigkeit. Tennant singt nicht über sich, sondern für eine ganze Generation, die sich durch Musik Räume erobert hat. Es ist diese Perspektive – die Verbindung von persönlicher Geschichte, kultureller Reflexion und feiner Ironie – die das Album so stark macht.
Natürlich darf der Humor nicht fehlen: The Schlager Hit Parade ist ein augenzwinkernder Abgesang auf das deutsche Unterhaltungskonzept, irgendwo zwischen Camp, Konzeptkunst und Clubkultur. Was bei anderen Acts ins Klamaukhafte kippen würde, gerät hier zu einem liebevoll-ironischen Kommentar – typisch PET SHOP BOYS eben. Musikalisch gliedert sich das Album dramaturgisch sinnvoll in drei Akte: eine introspektive erste Hälfte, eine rhythmischere Mitte und ein versöhnlicher, fast utopischer Ausklang mit Love Is The Law – einem Schlussstück, das die Liebe nicht als Gefühl, sondern als übergeordnetes Prinzip begreift. Tennant singt es mit einer Klarheit, die berührt, aber nie ins Sentimentale abdriftet.
Nonetheless ist kein Retro-Album, obwohl es viele Referenzen trägt: an die emotionale Tiefe von Behaviour, an die klangliche Wärme von Release, an die intellektuelle Leichtigkeit von Very. Und doch ist es kein Nostalgieprojekt. Vielmehr gelingt Tennant und Lowe etwas Seltenes: Sie schaffen ein Werk, das zeitlos klingt, ohne zeitfremd zu sein. Ein Pop-Album, das nicht gefallen will, sondern erzählt – mit der Ruhe und Würde zweier Künstler, die sich längst nicht mehr beweisen müssen.



