
Es gibt Abschiedsalben, die auf Pathos setzen. Und dann gibt es SHELLAC. Zehn Jahre nach Dude Incredible und nur zehn Tage nach dem Tod von STEVE ALBINI erscheint To All Trains – ein Album, das alle Konventionen des späten Werkes verweigert. Keine Rückschau, kein Vermächtnispathos, kein musikalisches Fotoalbum mit Gastauftritten und Streichern. Stattdessen: zehn Tracks in 28 Minuten. Roh. Hart. Unbeugsam. SHELLAC waren nie eine Band im klassischen Sinne, sondern eher ein Konzept: eine Haltung, eine Verweigerung, eine akustische Architektur aus Kargheit und Kontrolle. Seit den frühen 90ern kultivieren ALBINI, BOB WESTON und TODD TRAINER die Abwesenheit von Rockismen. To All Trains ist also kein Neuanfang und kein Finale, sondern ein weiteres Kapitel im selben rauen Manuskript – diesmal allerdings das letzte.
Schon der Opener WSOD (White Screen of Death) macht klar, dass hier keine Gnade zu erwarten ist. Ein knirschender Gitarrenton, ein präzise gestanztes Drum-Pattern, dazu ein Textfetzen über digitale Lähmung – mehr braucht es nicht. Kein Refrain, kein Aufbau, keine Brücke. Stattdessen: Konfrontation durch Reduktion. Girl From Outside und Chick New Wave schieben sich mit nervösem Groove ins Hirn, erinnern entfernt an die anti-melodische Strenge von THE FALL, die SHELLAC hier in How I Wrote How I Wrote Elastic Man (Cock & Bull) auch direkt zitieren. Ironie ist dabei wie immer nicht Gimmick, sondern Waffe – gegen Narrative, gegen Konsens, gegen sich selbst.
Der Songtitel Scabby The Rat verweist auf die aufblasbare Ratte der amerikanischen Gewerkschaftsproteste – und lässt erahnen, dass SHELLAC auch auf diesem Album politisch bleiben, ohne Parolen zu skandieren. Die Musik klingt wie Asphalt unter Spannung, das Schlagzeug bewegt sich wie ein Presslufthammer, der Bass kaut auf einer rostigen Eisenstange. Und über allem dieser trockene, schnarrende Gitarrenton – nicht verzerrt, sondern verzichtet.
Aber To All Trains ist mehr als ein weiteres SHELLAC-Statement aus Zorn, Zynismus und Zeitdiagnose. Es ist auch – und das ist neu – durchzogen von einer ungewohnten Emotionalität. Der Abschlusstrack I Don’t Fear Hell klingt fast wie ein Lied. Eine gebremste Melodie, ein gedämpfter Groove, ein Text, der plötzlich persönlich wird: „I Don’t believe In Heaven / But I’m Not Afraid“. Das ist kein Bekenntnis, eher ein Schulterzucken vor dem Ende. Und doch: In seiner Nüchternheit trifft dieser Song härter als jede tränenreiche Abschiedshymne.
Natürlich war das alles nicht als Vermächtnis geplant – STEVE ALBINI hat bis zuletzt im Studio gearbeitet, aufgenommen, abgemischt. Und To All Trains klingt wie alles, was er produzierte: ehrlich, roh, ohne Effekte. Der Sound ist so direkt, dass man glaubt, die Musiker stünden im Raum. Keine Kompression, kein digitaler Firlefanz. Nur Mikrofone, Raum und Wahrheit.
Was bleibt also von diesem letzten Album? Kein Denkmal, kein Museum, kein Kult. Aber ein Artefakt, das in seiner Sturheit berührt. To All Trains ist kein Abschied mit Handkuss – eher ein stummes Kopfnicken, das ausreicht. SHELLAC haben nie nach Applaus gefragt. Aber sie hinterlassen ein Echo, das lange nachhallt. Rest in feedback, Steve.



