Die Besten 2024 : THE SMILE – „Cutouts“ (XL/ Beggars/ Indigo); VÖ: 04.10.2024

Die Besten 2024 : THE SMILE – „Cutouts“ (XL/ Beggars/ Indigo); VÖ: 04.10.2024

Cover THE SMILE - "Cutouts"

Manchmal wirken Nebenprojekte wie die Fußnoten im Werk einer Band, die längst Geschichte geschrieben hat. Im Fall von THE SMILE ist es genau andersherum: Was 2021 als pandemisches Ablenkungsmanöver von THOM YORKE und JONNY GREENWOOD begann, gemeinsam mit Schlagzeuger TOM SKINNER, ist inzwischen zu einer ernsthaften Konkurrenz für das geworden, was man jahrzehntelang unter RADIOHEAD verstand. Cutouts, das dritte Album in ebenso vielen Jahren, ist der Moment, in dem der Schatten endgültig verschwindet. THE SMILE spielen keine zweite Geige. Sie sind längst ein eigenes Orchester – nur kleiner, konzentrierter, kompromissloser. Wo RADIOHEAD sich seit Kid A in immer weitreichendere Experimente und orchestrale Breiten hinein entwickelten, setzt Cutouts auf das Prinzip der Reduktion. Jeder Ton scheint hier genau platziert, jeder Bruch kalkuliert. Die Musik lebt von Lücken, von Pausen, von diesen unheimlichen Leerstellen, die fast lauter wirken als die Passagen, in denen tatsächlich gespielt wird. „Cutouts“ eben: ausgeschnittene Flächen, fragmentierte Muster, Negativräume, die plötzlich den Blick freigeben.

Dabei ist es TOM SKINNER, der diese Leerstellen mit Leben füllt. Sein Schlagzeugspiel ist kein Begleitmotor, sondern ein eigenes Erzählwerk. Jazz-geschult, polyrhythmisch, immer leicht neben dem Erwartbaren – genau das gibt den Songs jene Unruhe, die sie so zwingend macht. In einer Zeit, in der viele Gitarrenbands nostalgisch auf bewährte Strukturen zurückgreifen, verschiebt SKINNER die Koordinaten und zwingt YORKE und GREENWOOD, mitzugehen. Das Resultat ist ein Album, das nicht in die Falle des bloßen Wiedererkennens tappt, sondern nach vorne drängt, ohne das Bedürfnis, sich zu erklären.

Natürlich bleibt YORKEs Stimme das gravitationsartige Zentrum, um das sich alles dreht. Doch anders als bei RADIOHEAD, wo sein Gesang oft die Rolle des Kommentators, des distanzierten Propheten einnahm, wirkt er bei THE SMILE unmittelbarer, körperlicher. Hier ist kein Chor der Zukunftsängste, sondern eine Stimme, die mitten im Fragment steht und von dort aus spricht – mal flüsternd, mal anklagend, mal in fast sarkastischer Distanz. Die Texte sind keine geschlossenen Narrative, sondern sprachliche Versatzstücke, Collagen aus politischer Müdigkeit, sozialer Paranoia und intimer Leere. „Cutouts“ eben auch in den Worten: Auslassungen, Splitter, Andeutungen.

GREENWOOD, oft als der große Architekt von RADIOHEADs Klangwelten bezeichnet, wirkt hier befreit von orchestralen Pflichtübungen. Statt komplexen Arrangements gibt es kantige Riffs, dissonante Akkorde, manchmal fast No-Wave-artige Schärfen. Das alles in Reibung mit YORKES basslastigen Linien, die fast wie ein pulsierendes Metronom durch das Album laufen. So entsteht ein Sound, der sich zugleich sperrig und zwingend anfühlt – eine Musik, die mehr durch ihr Weglassen überzeugt als durch ihr Ausstellen. In diesem Sinn ist Cutouts nicht nur ein Album, sondern ein Statement: THE SMILE sind keine Projektion der Sehnsucht nach einem neuen RADIOHEAD-Album, sondern eine Band mit eigener Grammatik. Sie schreiben nicht mehr an den Rändern einer Legende, sondern mitten in einer Gegenwart, die nach neuen Formen verlangt. Gerade deshalb fühlt sich die Platte so zeitgemäß an. Wo viele Künstler*innen sich im vermeintlich Digitalen verlieren, ist dies ein Werk der physischen Körper: Hände, die Saiten schlagen, Füße, die ungerade Takte treten, Stimmen, die zwischen den Zeilen brechen.

Und so wirkt Cutouts fast wie eine kleine Revolte gegen die Erwartungshaltung, die auf diesem Trio lastet. Es ist kein Versuch, die Popwelt erneut umzukrempeln, wie es RADIOHEAD in den 1990ern taten. Sondern ein Album, das seine eigene Größe gerade in der Weigerung findet, monumental zu sein. Reduktion statt Expansion. Fragment statt Totale. Und gerade weil diese Haltung so konsequent durchgehalten wird, klingt das Album wie ein notwendiger Gegenentwurf zur saturierten Überproduktion zeitgenössischer Musik.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: THE SMILE sind gekommen, um zu bleiben. Cutouts ist kein Zwischenspiel, sondern eine neue Sprache. Eine Sprache, die nicht alles sagt, sondern Leerstellen lässt. Und die darin eine Wahrheit transportiert, die vielleicht größer ist als jede fertige Antwort.

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert