Die Besten 2024 : THE SMILE – „Wall Of Eyes“ (XL/ Beggars/ Indigo); VÖ: 26.01.2024

The Smile Wall Of Eyes

Es gibt Alben, die sich einem aufdrängen, laut, grell, fordernd. Und es gibt jene, die wie Schatten in einen Raum gleiten, sich an die Ränder setzen, kaum greifbar – und doch unmöglich zu ignorieren. Wall Of Eyes, das zweite Album von THE SMILE, gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Nach dem gefeierten Debüt A Light for Attracting Attention war klar, dass es sich bei THE SMILE – dem Projekt von THOM YORKE, JONNY GREENWOOD und dem Schlagzeuger TOM SKINNER – um weit mehr als ein bloßes Nebenprojekt handelt. Wall Of Eyes beweist das mit leiser Vehemenz. Dieses Album will nichts erklären, nichts präsentieren – es existiert vielmehr als schwebender Aggregatzustand zwischen Art-Rock, Kammermusik und digitaler Textur. Produziert wurde das Album erneut von Langzeit-Kollaborateur NIGEL GODRICH, doch diesmal ist seine Handschrift fast unsichtbar. Die Musik klingt, als wäre sie zufällig passiert – zerbrechlich, beiläufig und von einer Tiefe, die sich nur langsam erschließt. Der eröffnende Titeltrack gleitet auf einer hypnotischen Gitarrenfigur dahin, während YORKEs Stimme sich beinahe flüsternd aus dem Off meldet. Eine „Wand aus Augen“ – ein Bild von Überwachung, sozialem Druck, vielleicht auch von Selbstentfremdung. Doch die Interpretation bleibt dem Hörer überlassen. THE SMILE geben keine Deutungen vor, sie stellen Räume zur Verfügung. Diese Räume sind von schwebender Schönheit: Teleharmonic und Read The Room funktionieren wie innere Monologe, getragen von SKINNERs präzise versetzten Schlagzeugpatterns und subtilen elektronischen Oberflächen. In Under Our Pillows wird das Album fast lullaby-artig – ein Wiegenlied auf der Schwelle zum Albtraum. Streicher, aufgenommen in den Abbey Road Studios, huschen durch das Klangbild wie Erinnerungsfragmente. Nichts ist fest, alles bleibt in Bewegung.

Der wohl zugänglichste Song ist Friend Of A Friend – ein leiser Ohrwurm, der dennoch von tiefer Entfremdung durchzogen ist. Es ist diese dialektische Spannung, die das Album so faszinierend macht: Nähe und Distanz, Klarheit und Rätselhaftigkeit, Schönheit und Dissonanz. In I Quit schließlich scheint YORKE aus der resignativen Zurückhaltung auszubrechen – „I quit“, singt er, und selten klang Aufgeben so wie ein letzter Akt der Würde. Das Zentrum des Albums ist jedoch Bending Hectic – eine knapp neunminütige Komposition, die von fast meditativer Stille in eruptive Dissonanzen übergeht. Hier kulminiert das ganze Album in einer architektonisch angelegten Emotion: ein musikalischer Kollaps, der zugleich kathartisch wirkt. Abgeschlossen wird Wall Of Eyes mit You Know Me! – einer zarten, fast versöhnlichen Geste, in deren ironischem Titel sich nochmals die Grundstimmung des Albums verdichtet: das paradoxe Ringen um Verstehen in einer Welt aus Spiegelungen, aus Projektionen.

Was Wall Of Eyes so bemerkenswert macht, ist seine Beharrlichkeit im Verschwinden. Es ist ein Album, das sich entzieht, das keine Refrains ins Gedächtnis brennt, keine Pose einnimmt. Stattdessen fordert es Aufmerksamkeit – und belohnt sie mit einer Tiefe, wie man sie in der zeitgenössischen Rockmusik nur noch selten findet. Die Nähe zu RADIOHEAD bleibt spürbar, aber sie ist nicht dominierend. Vielmehr wirkt THE SMILE hier wie eine organische Weiterentwicklung jener Klangästhetik, reduziert auf ihre feinsten Fasern.