Die Besten 2024 : THE WAR ON DRUGS – „Live Drugs Again“ (Super High Quality Records); VÖ: 13.09.2024

Die Besten 2024 : THE WAR ON DRUGS – „Live Drugs Again“ (Super High Quality Records); VÖ: 13.09.2024

Cover THE WAR ON DRUGS - "Live Drugs Again"

Wenn ADAM GRANDUCIEL eine Setlist kuratiert, dann wirkt das weniger wie das Nachzeichnen eines Konzertabends, sondern eher wie das Entwerfen einer Landkarte des Jetzt. Live Drugs Again ist kein Zufallsprodukt des Touralltags, sondern eine bewusst komponierte Collage aus Mitschnitten, die die Essenz von THE WAR ON DRUGS verdichtet. Schon der Titel deutet an: Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um die Wiederholung als künstlerisches Prinzip – ein zweites Live-Album, das die Dimension des ersten fortführt und zugleich neu interpretiert. GRANDUCIEL ist ein Chronist des Verschwindens. Seine Songs handeln davon, wie Zeit verrinnt, wie man Erinnerungen hinterherjagt und dennoch nicht aus dem Jetzt entkommt. Auf der Bühne transformiert sich diese melancholische Grundierung in eine fast transzendente Erfahrung: das Publikum als Kollektiv, die Gitarrenlinien wie Lichtstrahlen im Nebel, die Synthesizerflächen als endloser Horizont. Harmonia’s Dream eröffnet das Album als fast zehnminütige Meditation über das Verhältnis von Dauer und Augenblick. Der Song verliert sich nicht, er insistiert. Wiederholung als Trostformel.

Im Gegensatz zu vielen Indie-Bands, die irgendwann im Stadionrock ertrinken, haben THE WAR ON DRUGS eine Ästhetik entwickelt, die Größe behauptet, ohne Pathos zu verfallen. Burning ist ein Paradebeispiel: treibend, drängend, aber nie platt. Es funktioniert live nicht trotz, sondern wegen der Repetition. Dass GRANDUCIEL sich hier bewusst in die Tradition von BRUCE SPRINGSTEEN stellt, ist offensichtlich – doch die Songs lassen sich nie in eindeutige Kategorien sperren. Es ist Heartland-Rock, ja, aber durch einen Filter von SHOEGAZE, KRAUTROCK und AMBIENT gezogen.

Die Tracklist wirkt wie ein Statement gegen lineare Zeit. Come To The City steht neben Old Skin, als würde die Vergangenheit nicht abgeschlossen, sondern in ständiger Reibung zur Gegenwart fortbestehen. Pain und I Don’t Wanna Wait zeigen die existenzielle Dimension, die GRANDUCIELS Texte inzwischen erreicht haben: Es geht nicht mehr nur um Eskapismus, sondern um das Ringen mit Verlust, mit Unsicherheit, mit dem Älterwerden in einer spätmodernen Gegenwart, die immer schon brüchig ist. Die Band spielt diese Stücke, als ginge es um mehr als nur um Musik. Nothing To Find ist live weniger ein Popsong als ein Versprechen: dass man in der Bewegung, im Unterwegssein, im ewigen Touren eine Form von Sinn stiften kann. Slow Ghost, ein eher zurückhaltender Titel, erscheint hier fast wie ein Intermezzo, ein Atemholen vor der nächsten Eskalation. Besonders eindrucksvoll ist Under The Pressure. Im Studio schon ein Monument, wächst der Song live in geradezu absurde Dimensionen. Mehr als zehn Minuten lang dehnen THE WAR ON DRUGS die Melodie, brechen sie auf, lassen sie verglühen. Es ist ein Moment, in dem die Kategorie „Indie-Rock“ endgültig kollabiert. Wer das hört, hört eher Echos von CAN oder MY BLOODY VALENTINE als von den üblichen Referenzen aus dem Americana-Kanon.

I Don’t Live Here Anymore markiert den emotionalen Höhepunkt. Der Song ist, trotz seines radiofreundlichen Anstrichs, ein Statement der Entfremdung – von Orten, von Zeiten, von Ich-Zuständen. Live wirkt er härter, fast trotzig. GRANDUCIELS Stimme ist brüchig, aber genau darin liegt die Kraft. Die Band betont nicht den Glanz der Studioproduktion, sondern die Kante des Unfertigen.

Was Live Drugs Again so bemerkenswert macht, ist die Verweigerung eines simplen Authentizitätsbegriffs. Es geht nicht um die Illusion, man wäre „dabei gewesen“. Vielmehr entwirft die Platte eine zweite Realität des Live-Erlebnisses: eine sorgfältig montierte Wahrheit, die weder die Fehler verschweigt noch den Mythos zerstört. Genau darin liegt die Größe – in einer Zeit, in der Live-Musik oft nur noch als Eventmaschinerie verstanden wird, behaupten THE WAR ON DRUGS eine Aura des Ernstes.

Natürlich kann man fragen: Braucht es wirklich das zweite Live-Album in nur vier Jahren? Aber vielleicht liegt gerade darin die Pointe. Wiederholung ist hier kein Mangel, sondern Methode. Live Drugs Again ist ein Ritual, ein Echo, eine Beschwörung. Und es zeigt, dass Rockmusik im Jahr 2024 noch immer Relevanz hat – nicht als Pose, sondern als Praxis.

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