
DIE GERINGSTEN UNTER UNS (Originaltitel: The Least of These – The Graham Staines Story, USA 2019) erzählt die letzten Lebensjahre des australischen Missionars GRAHAM STAINES (STEPHEN BALDWIN), der im indischen Bundesstaat Odisha mit Lepra-Kranken arbeitete, bevor er 1999 von religiösen Extremisten ermordet wurde. Regisseur ANUPAM SHARMA inszeniert diese Biografie nicht als Predigtfilm für die fromme Heimkinogemeinde, sondern als moralisches Drama, das sich bewusst zwischen den Fronten bewegt – und genau darin liegt seine Stärke.
Anstatt Staines als makellosen Märtyrer in Cinemascope-Heiligkeit zu präsentieren, wählt der Film die Perspektive eines fiktiven Lokaljournalisten (SHARMAN JOSHI), der den Verdacht der „Zwangsbekehrung“ recherchiert. Damit rückt der Blick nicht allein auf den westlichen Missionar, sondern auf das soziale und politische Klima vor Ort. Und hier ist das Erstaunliche: Der Film vermeidet die allzu bequeme Falle des christlichen Propagandastreifens. Ja, er bekennt sich klar zu Staines’ Dienst an den Ausgegrenzten, aber er gesteht auch ein, dass es in der Missionspraxis durchaus die Realität der „bezahlten Bekehrungen“ gibt – materielle Anreize, um Konversionen zu fördern. Dass dies thematisiert wird, ohne den Film gleich zum Tribunal zu machen, ist eine seltene Balance, die weder den missionarischen Impuls romantisiert noch pauschal denunziniert.
Die Ethik des Blicks bleibt dabei bemerkenswert unaufgeregt: Die Kamera sucht die Nähe zu den Kranken, filmt Berührung, Pflege, Alltagsgespräche – und lässt den entscheidenden Gewaltakt im Off geschehen. Damit verzichtet der Film auf den Schockeffekt und verlegt seine moralische Pointe in die Reaktion danach: die öffentliche Vergebung durch Staines’ Witwe GLADYS STAINES (SHARI RIGBY). Genau hier jedoch zeigt sich eine deutliche Schwäche. Gladys ist die moralische Schlüsselfigur, der Fixpunkt der Erzählung – und bleibt doch dramaturgisch fast ausschließlich reaktiv. Ihre innere Auseinandersetzung, mögliche Zweifel oder gar ein Ringen mit der eigenen Vergebung werden nicht gezeigt. Stattdessen spricht sie vor allem für die Botschaft, die das Drehbuch transportieren will. Das ist schade, weil gerade diese Figur das Potential gehabt hätte, die ethische Dimension des Films zu vertiefen.
In der Figurenzeichnung der Täter bleibt der Film hingegen schematisch. Sie fungieren als austauschbare Katalysatoren des Konflikts, ohne dass ihre Radikalisierung oder die politischen Hintergründe der Gewalt ernsthaft durchdrungen würden. Das passt zum versöhnenden Gestus der Erzählung, ist aber zugleich ein Verzicht auf historische und soziale Schärfe.
Am Ende steht ein Werk, das sich weigert, den einfachen Weg zu gehen – weder als agitatorische Missionsromantik noch als einseitige Anklage. DIE GERINGSTEN UNTER UNS ist kein perfekter Film, aber einer, der die Würde seiner Figuren sucht und es wagt, den moralischen Kern nicht in der Überhöhung, sondern in der Spannung zwischen Ideal und Realität zu verorten. Gerade darin unterscheidet er sich wohltuend von dem, was im Genre des „Faith Cinema“ allzu oft produziert wird.
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