„Die Unfolgsamen“ (F/ CH 2024) – Körper, Kontrolle und das Begehren im Ausnahmezustand

„Die Unfolgsamen“ (F/ CH 2024) – Körper, Kontrolle und das Begehren im Ausnahmezustand

Poster - "Les Indolciles"

Mit Die Unfolgsamen (Les Indociles, Frankreich/Schweiz 2024) gelingt dem Regieduo JEAN-MARC BARR und PASCAL ARNOLD ein stiller, aber bemerkenswert präziser Beitrag zum filmischen Nachhall der Corona-Pandemie. Kein Katastrophenszenario, keine überbordende Gesellschaftskritik, kein gefühlsschweres Trauma-Kino. Stattdessen: ein intimes Kammerspiel im Schatten eines Luxushotels, das sich zur Arena der letzten körperlichen Freiheiten und zur Bühne einer leisen Rebellion gegen staatliche Kontrolle wandelt.

Der Film spielt im Frühjahr 2020, in den frühen Wochen des ersten französischen Lockdowns. Draußen herrscht Stillstand – drinnen, in einem leerstehenden Pariser Hotel, beginnt sich Leben wieder zu regen. FÉLIX (PIERRE PERRIER), ein junger Hotelmanager, reaktiviert das heruntergefahrene Haus und etabliert darin heimlich einen Escort-Service für jene Gäste, die Einsamkeit, Reichtum und ungestillte Begierden eint. Was zunächst wie ein unmoralischer Fluchtplan wirkt, entpuppt sich bald als widerständiger Akt – nicht unbedingt aus heldenhaftem Antrieb, aber aus der schlichten Notwendigkeit heraus, menschliche Nähe gegen den Virus der Vereinzelung zu setzen.

Das Hotel selbst wird zur Metapher: Es ist Panoptikum und Rückzugsort zugleich. Seine Architektur, einst gedacht zur Repräsentation von Ordnung und Luxus, wirkt unter dem Brennglas der Pandemie wie eine leere Bühne, auf der neue Beziehungen entstehen – jenseits der offiziellen Ordnung. Hier begegnen sich Figuren, die sonst unsichtbar bleiben: eine übermüdete Krankenschwester, die aus Angst um ihre Familie im Hotel lebt; eine Mutter mit Kind, die vor häuslicher Gewalt flieht; ein junger Schwarzer Kurier, der regelmäßig Lebensmittel bringt – und plötzlich Opfer rassistischer Polizeigewalt wird. Gerade diese Szene, sachlich inszeniert, fast beiläufig erzählt, hallt nach: Denn sie zeigt, wie sehr der Ausnahmezustand als Deckmantel für strukturelle Ausgrenzung dienen kann.

Die Polizei, die den Kurier anhält, durchsucht, demütigt, folgt einem Skript, das in Frankreichs Banlieues seit Jahren bekannt ist. Doch unter den Bedingungen des Lockdowns wird es legitimiert – durch Notstandsgesetze, durch Gesundheitsverordnungen, durch Angst. Die Unfolgsamen spricht diesen Rassismus nicht laut aus, aber er ist da. Klar, deutlich, körperlich. Der junge Mann, sichtbar, korrekt, unauffällig, wird allein durch seine Präsenz zur Zielscheibe. Der Film verweigert einfache Antworten – aber die Fragen bleiben im Raum.

Unfolgsamen Scene1

Was Die Unfolgsamen so besonders macht, ist die Art, wie er Körperlichkeit ins Zentrum rückt, ohne sie zu überzeichnen. Sexualität erscheint hier weder romantisiert noch entwertet. Sie ist eine Praxis des Überlebens, ein Werkzeug gegen den emotionalen Frost der Pandemie. Die Escort-Begegnungen sind nicht schön, nicht dramatisch – aber echt. Sie zeigen Menschen, die sich berühren, um sich selbst zu spüren, um Nähe zu erleben in einer Welt, die Berührung plötzlich zur Gefahr erklärt. In diesem Sinne wird das Hotel zur Bühne der Abweichung: Hier gelten andere Regeln, andere Prioritäten. Hier darf Begehren wieder existieren – und wird zur subversiven Kraft gegen eine Gesellschaft, die Körper unter Quarantäne stellt.

Stilistisch ist der Film nüchtern gehalten. Die Kamera bleibt distanziert, die Dialoge sind reduziert, die Musik spärlich eingesetzt. Diese Zurückhaltung ermöglicht eine doppelte Lesart: Einerseits vergrößert sie die emotionale Distanz, die viele der Figuren selbst empfinden. Andererseits lädt sie das Publikum ein, sich aktiv einzubringen, Fragen zu stellen, Perspektiven zu verschieben. Es ist ein Film, der fordert – aber nicht belehrt.

Die Unfolgsamen ist kein lauter Film. Aber ein notwendiger. Er macht sichtbar, was in der öffentlichen Pandemie-Erzählung oft unterging: die sozialen Risse, die versteckten Kämpfe, das ungebrochene Bedürfnis nach Nähe, Würde und Sichtbarkeit. In seiner Knappheit liegt seine Kraft – 77 Minuten reichen, um ein ganzes gesellschaftliches Klima einzufangen. Wer sich auf diese filmische Studie einlässt, wird vielleicht nicht überwältigt – aber klüger entlassen.

Les Indociles | Cinéma | Teaser 2
Dieses Video auf YouTube ansehen.
Das Video wird von Youtube eingebettet und erst beim Click auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google.