
Was, wenn der Aufschrei keine Pose ist, sondern Notwendigkeit? Wenn der Lärm nicht gestylt, sondern gelebt ist? Wenn Musik wieder unbequem wird – so wie sie es sein sollte? Venom Dish, das Debütalbum der Schweizer Band DISAGONY, ist genau das: eine Platte, die sich dem Konsens verweigert, die kratzt, schreit und manchmal auch flüstert. Eine radikale Verweigerung gegen das Aushalten von Normativität, gepresst in 38 Minuten Noise, No Wave und Postpunk-Eruption. DISAGONY um Sängerin LYNN MARING loten auf Venom Dish die Grenzen dessen aus, was unter Songstrukturen überhaupt noch firmieren kann – ohne dabei ins Beliebige zu kippen. Stattdessen: Klarheit durch Dissonanz. Schon der Opener Cut schneidet wie angekündigt. Keine Einleitung, kein Aufbau. Direkt rein. Gitarren, die klingen wie aufgeschlitzte Verstärkerkabel. Drums, die eher aus einem provisorischen Proberaum als aus dem Studio zu stammen scheinen. Alles gewollt. Alles geladen.
Tracks wie Wild Generation Y, Spirit Mechanism oder Stop Rewind entfalten sich nicht linear, sondern eruptiv. LYNN MARING schreit, spricht, chantet, kämpft mit ihrer Stimme gegen das musikalische Unheil an – oder verbündet sich mit ihm. Das ist kein gespielter Wahnsinn, sondern eine performative Übersetzung innerer und gesellschaftlicher Zerreißproben. Der Track Gender Identity Disorder sticht dabei besonders hervor: ein Titel, der irritiert, provoziert, aber nicht schockiert – weil die Band sich nicht an der Außensicht aufhängt, sondern die Perspektive derer einnimmt, die im Raster verschwinden. Eine Dekonstruktion pathologischer Begrifflichkeiten – musikalisch umgesetzt mit drohender Bassline und vokaler Verweigerung.
Es wäre jedoch verkürzt, DISAGONY auf bloßen Protest oder feministisch grundierte Aggression zu reduzieren. Venom Dish ist auch ein Album der melancholischen Stille im Lärm. Spätestens bei Grace, getragen von der tiefen, fast sakralen Stimme von Gastsänger MARC BOUFFÉ, öffnet sich der Klangraum für eine andere Erzählweise: weniger Wut, mehr Erschöpfung. Eine Art nihilistische Litanei in Moll. Und dann ist da noch Forever Fool – mit 6:38 Minuten das Schlusspunktstück, das alles verdichtet, was DISAGONY zuvor angedeutet haben. Eine Ballade, ja, aber keine im klassischen Sinne. Vielmehr eine Abrechnung in Zeitlupe, bei der sich die Band dem Drama mit reduzierten Mitteln nähert. Kein Bombast, keine große Geste – nur eine müde Klarheit und ein Gitarrensound, der sich wie Nebel über die Worte legt. LYNN MARING klingt hier verletzlich, aber nicht zerbrochen. Sondern als wüsste sie genau, dass zwischen Versöhnung und Resignation nur ein schmaler Grat liegt.
Produktionstechnisch bleibt das Album dem DIY-Geist treu: roh, unpoliert, mitunter kantig abgemischt. Doch gerade darin liegt der Reiz – in einer Zeit, in der sogar Indieproduktionen nach iPhone-kompatibler Hochglanzästhetik klingen, ist Venom Dish eine wohltuende Zumutung.




