DISPLACER & NIMON – „House Of The Dying Sun“ (Hymen Records); VÖ: 17.02.2014

DISPLACER & NIMON – „House Of The Dying Sun“ (Hymen Records); VÖ: 17.02.2014

Cover DISPLACER & NIMON - "House Of The Dying Sun"

Was bleibt von der Welt, wenn der letzte Klang verklungen ist? Diese Frage stellen DISPLACER & NIMON nicht explizit, sie legen sie vielmehr als dunkle Hypothese unter die zehn Stücke ihres Albums House Of The Dying Sun. In einer Ästhetik, die sich zwischen postindustrieller Leere und interstellarem Verlorensein bewegt, entstehen Klangräume, die eher Architektur als Musik sind. DISPLACER, der kanadische IDM-Tüftler MICHAEL MORTON, trifft hier auf NIMON – das experimentelle Alias des Berliner Soundästheten BEN LUKAS BOYSEN (HECQ). Beide eint ein Faible für die Dekonstruktion elektronischer Konventionen. Gemeinsam entwerfen sie auf House Of The Dying Sun eine Welt ohne Horizont, eine dystopische Parabel ohne Worte, aber voller Resonanz.

Schon der Opener Ghost Dance verströmt eine rituelle Gravität, die sich wie ein grauer Nebel durch das gesamte Album zieht. Titel wie The Devils House, Creature Comforts oder Sons Of Horus klingen wie Kapitel aus einem verlorenen okkulten Manuskript, und auch Intihuatana – benannt nach einem Inka-Sonnentempel – verweist auf eine tiefere, esoterische Textur unter der Oberfläche. Doch statt spiritueller Erleuchtung herrscht hier klangliche Entropie. Die Musik ist dabei weit entfernt von klassischem Ambient oder IDM: Es gibt keine Beats im konventionellen Sinn, keine Hooklines, keine Versöhnung. Stattdessen: dronige Plateaus, modular verschobene Klangverwerfungen, schattenhafte Field Recordings und elektronische Flächen, die sich wie kalter Rauch im Raum ausbreiten. Cloud Forest, an dem BRIEN HINDMAN mit SH-101 und MS-20 mitwirkt, durchbricht diese Stimmung kurz mit einem Hauch analoger Organik, bleibt aber im Grundton ebenso entrückt wie der Rest.

Stilistisch liegt das Album irgendwo zwischen TIM HECKERs emotionalem Lärm, LUSTMORDs sakraler Dunkelheit und den elegischen Schichtungen eines BOHREN & DER CLUB OF GORE – nur eben ohne Jazz, ohne Licht, ohne Hoffnung. Jeder Track ist ein Fragment aus einer Welt, die sich längst aufgelöst hat. Resting Place könnte die Grabplatte eines untergegangenen Planeten sein. Und Eastern Sky lässt das Album in einem klanglichen Nachbeben ausklingen – als wäre da noch ein ferner Stern, der nicht weiß, dass er schon tot ist.

House Of The Dying Sun
ist keine Musik für Playlists. Sie eignet sich nicht zum Kochen, Joggen oder Einschlafen. Vielmehr zwingt sie zum Stillhalten. DISPLACER & NIMON liefern hier einen Gegenentwurf zur fragmentierten Aufmerksamkeitsökonomie: ein geschlossenes Werk, radikal entschleunigt, hermetisch und kompromisslos.

Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird belohnt – mit einer Reise an den Rand des Wahrnehmbaren. Dort, wo der Tod der Sonne nicht das Ende bedeutet, sondern der Beginn einer neuen, dunklen Ordnung.

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert