
Es gibt Alben, die mehr sind als bloße Tonträger. ESB ist ein solches. Keine Sammlung von Songs, kein lineares Konzept, sondern ein Protokoll des Augenblicks. Drei Musiker – YANN THIERSEN, LIONEL LAQUERRIÈRE und THOMAS POLI – treffen sich 2014, werfen alle Sicherheitsnetze ab und spielen, als hinge das Musikmachen selbst am Tropf dieses Moments. Dass das Resultat bei BUREAU B erscheint, ist kein Zufall. Das Hamburger Label hat sich in den letzten Jahren als Archäologe und Weiterdenker zugleich etabliert: Neuauflagen von CLUSTER, ROEDELIUS oder CONNY PLANK einerseits, Gegenwartsexperimente von KREIDLER, KLANGWART oder eben ESB andererseits. ESB reiht sich dort ein wie eine Fußnote mit Ausrufezeichen – ein Hinweis darauf, dass Krautrock nicht museal sein muss, sondern bis heute eine offene Methode beschreibt.
Die sieben Tracks – von Market bis Kim – verzichten auf lyrische Verklärung. Stattdessen: repetitiv klopfende Beats, fragile Gitarrenlinien, analoge Synthesizer, die nicht nur Klangflächen schaffen, sondern Widerspruch erzeugen. In Spoon blitzt CAN als Referenz so greifbar auf, dass man fast JAKI LIEBEZEIT hinter dem Schlagzeug wähnt. Jellyfish mäandert, ein Jam im besten Sinne, der sich nie festlegt und gerade deshalb Sog entfaltet. Late trägt Melancholie in sich, die eher zufällig zu entstehen scheint, und Kim schließt als offenes Feld, ein episches Ausatmen. Das Faszinierende an ESB: Die Musik wirkt gleichzeitig unfertig und hochkonzentriert. Improvisation wird hier nicht als Jammen verstanden, sondern als diskursive Praxis: Jeder Ton ist Antwort auf einen anderen, jedes Geräusch eine Nachfrage. Das Trio denkt hörbar in Echtzeit.
Natürlich könnte man den Vorwurf erheben, dass sich diese Musik zu sehr in ihrer eigenen Offenheit gefällt, dass sie in einem Kulturkontext produziert wird, in dem „Improvisation“ längst zum Kurator:innen-Liebling verkommen ist. Aber genau hier liegt die Kraft von ESB: Es verweigert sich der Erwartung, zwingt Hörer:innen, sich in die Langsamkeit und Unschärfe hineinfallen zu lassen. ESB ist kein Album für die Playlist, kein Produkt für den algorithmischen Durchlauf. Es ist ein Statement: Krautrock lebt, nicht als Retroformel, sondern als radikale Gegenwartskunst.




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