FENSTER – „The Pink Caves“ (Morr Music); VÖ: 07.03.2014

FENSTER – „The Pink Caves“ (Morr Music); VÖ: 07.03.2014

Cover FENSTER - "The Pink Caves"

Manchmal scheinen Alben weniger veröffentlicht als vielmehr freigelassen zu werden, so als hätten sie sich selbstständig aus der Studioumgebung geschlichen und in die Welt gewabert. The Pink Caves von FENSTER gehört in diese Kategorie: ein Werk, das sich jeder linearen Erzählung verweigert und lieber das Reich des Unheimlich-Vertrauten auslotet. Was das Berliner Kollektiv hier 2014 ablieferte, war keine logische Fortsetzung des Debüts Bones, sondern ein kontrollierter Kontrollverlust.

FENSTER, ein Konstrukt zwischen amerikanischer Coolness und deutscher DIY-Besessenheit, nutzten eine verlassene Villa als Tonstudio und machten aus architektonischen Zufälligkeiten musikalische Parameter. Türen quietschen, Flure hallen, Geräusche schleichen sich ins Mikrofon wie Nebenfiguren in einem surrealistischen Film. Das Ergebnis: ein Sound, der weniger produziert als erträumt wirkt. Doch Träume sind selten makellos. The Pink Caves lebt von diesem Schwebezustand. Songs wie Better Days oder Sunday Owls sind fast pop-affin, mit verhallten Gitarren und sehnsüchtigem Gesang, aber nie so konkret, dass man sich festhalten könnte. Dann wieder driften FENSTER ab in experimentelle Zonen, wo Cat Emperor oder Mirrors eher Klanginstallationen als Songs sind. Das ist faszinierend, aber auch eine Zumutung – gerade für Hörer:innen, die in einem Streaming-Ökosystem an „Skip-Logik“ und Instant-Gratification gewöhnt sind.

Man kann The Pink Caves deshalb auch als Kommentar zur damaligen Pop-Ökonomie verstehen. Statt den Indie-Hype von Bones zu melken, verweigerten sich FENSTER den Mechanismen von Wiedererkennungswert und kalkulierter Eingängigkeit. Das Album stellt Fragen, wo andere Antworten geben wollen. Es baut Räume, wo man Hooks erwartet. Es erzeugt Stimmungen, die sich nicht in Playlisten einpassen lassen. Darin liegt seine eigentliche Radikalität – und vielleicht auch sein Problem. Denn FENSTER sind klug genug, um die Ironie dieser Haltung zu kennen. The Pink Caves wirkt wie ein bewusst entrücktes Artefakt, ein psychedelisches Diorama, das BROADCAST, STEREOLAB oder die frühen PINK FLOYD zitiert, ohne je in Retro-Ästhetik abzugleiten. Doch manchmal wird aus Distanz schlicht Beliebigkeit: Zwischen Fireflies und On Repeat verschwimmt vieles zu einem ästhetischen Brei, in dem der Unterschied zwischen subversiver Soundkunst und bloßer Skizze nicht mehr erkennbar ist.

Und trotzdem: Wenn FENSTER die Balance treffen, entstehen magische Momente. 1982 etwa oszilliert zwischen Nostalgie und Science-Fiction, als hätte man eine alte VHS-Kassette in einen defekten Recorder geschoben. Creatures schließt das Album mit einer fast mythischen Note ab, halb Kinderlied, halb Beschwörungsritual. Das sind Augenblicke, in denen FENSTER zeigen, dass sie nicht nur dekonstruktiv, sondern auch emphatisch können.

Im Kontext des Jahres 2014 war das ein Statement. Während Indie-Bands reihenweise auf Stadiongröße oder Electro-Clash schielten, veröffentlichten FENSTER ein Album, das wie ein Kammerstück für einen imaginären Film klingt. Es verweigerte sich Trends, aber auch der eigenen Eingängigkeit. Ein Stück Anti-Pop, das gleichzeitig Pop sein will – weil es sonst nicht gehört würde. Kritisch betrachtet bleibt die Frage: Hat The Pink Caves mehr Substanz als Haltung? Ist es ein visionärer Wurf oder ein hermetisches Spiel, das ohne Publikum auskommt? Wahrscheinlich beides. Und vielleicht ist genau diese Ambivalenz der Punkt. FENSTER wollten nie gefallen, sondern Atmosphären erschaffen. Insofern ist The Pink Caves weniger ein Album als ein Zustand: flüchtig, geheimnisvoll, manchmal anstrengend, aber immer konsequent.

Ob das heute, zehn Jahre später, noch trägt? Vielleicht mehr denn je. In einer Welt, die Pop in Sekundenschnipsel zerlegt, erinnert uns dieses Album daran, dass Hören auch ein Durchwandern sein kann – mit allen Sackgassen, die dazugehören.

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