„How to Blow Up a Pipeline“ (USA, 2022) – Vom Zischen der Zündschnur im Maschinenraum der Moderne

„How to Blow Up a Pipeline“ (USA, 2022) – Vom Zischen der Zündschnur im Maschinenraum der Moderne

Cover "How To Blow Up A Pipeline"

Kaum ein Film der letzten Jahre trifft den Nerv der Zeit so präzise wie HOW TO BLOW UP A PIPELINE. Regisseur DANIEL GOLDHABER inszeniert einen fesselnden Ökothriller, der nicht nur Spannung bietet, sondern auch tiefgreifende Fragen zur Klimagerechtigkeit und zum zivilen Ungehorsam aufwirft. Basierend auf dem gleichnamigen Manifest des schwedischen Klima-Theoretikers ANDREAS MALM, entwickelt der Film ein Szenario, das gleichermaßen fiktiv wie möglich erscheint – und das in seiner Dringlichkeit kaum übertroffen werden kann.

Im Zentrum der Handlung steht eine Gruppe junger Aktivist*innen, die sich in der texanischen Wüste zusammenfindet, um eine Öl-Pipeline zu sprengen. Nicht aus blindem Hass auf die Welt, sondern aus biografisch tief verankerter Verzweiflung: DAZHI (ARIEL BARAKEH), ein indigener Amerikaner, dessen Lebensgrundlage durch Umweltverschmutzung zerstört wurde; XOCHITL (ARIELA BARER), deren Mutter an einem umweltbedingten Krebsleiden starb; und MICHAEL (FORREST GOODLUCK), ein Arbeiter mit explosivem Know-how, dem die passive Komplizenschaft im fossilen System zum Verhängnis wird.

Was GOLDHABER in packenden Rückblenden nachzeichnet, ist keine naive Radikalisierung, sondern ein Reigen existenzieller Notlagen – und der Verlust jedes Glaubens an ein politisches System, das seit Jahrzehnten versagt. Statt legislativer Reform erleben die Figuren legislative Regression: Umweltauflagen werden geschleift, Schutzgebiete kommerzialisiert, NGOs diffamiert. Unter der Administration von DONALD TRUMP verschärfte sich dieser Rückschritt in erschreckender Konsequenz: Die Umweltbehörde EPA wurde systematisch entkernt, der Klimawandel zum politischen Tabu erklärt, während Öl- und Gasindustrie sich die Hände rieben. Wer hier von „Reformwillen“ spricht, verkennt das Kräfteverhältnis – oder verteidigt es.

HOW TO BLOW UP A PIPELINE hält diesen Zuständen kein Plakat entgegen, sondern eine Sprengladung. Und doch ist der Film alles andere als plump. Vielmehr gelingt ihm das Kunststück, einen Thriller zu inszenieren, der sich spannungstechnisch an Vorbilder wie KATHRYN BIGELOWs The Hurt Locker oder JEAN-PIERRE MELVILLEs Untergrund-Dramen anlehnt – und dabei doch stets ein ethisches Flimmern aufrechterhält. Denn keine der Figuren handelt ohne Zweifel, keine ohne Risiko. Und doch teilen sie das Wissen: Wer nur appelliert, bleibt Teil des Problems.

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Der Film stellt keine Helden aus, sondern Menschen mit Brüchen. Menschen, deren Handlungsspielraum zunehmend gegen null schrumpft. Und darin liegt seine größte Stärke: Er verweigert sich der Behaglichkeit. Er fragt, was Widerstand kosten darf – und ob es nicht längst teurer ist, keinen zu leisten.

Formal bleibt GOLDHABER erstaunlich schnörkellos. Das Setting – heruntergekommene Häuser, staubige Highways, provisorische Werkstätten – steht im Kontrast zur Präzision der Sabotageplanung. Rückblenden rhythmisieren den Plot, verleihen Tiefe. Alles wirkt beinahe dokumentarisch, fast schon beiläufig, und gerade deshalb so beunruhigend real.

Am Ende explodiert nicht nur ein Stück Infrastruktur. Es explodiert das Narrativ vom friedlichen Wandel durch Vertrauen. HOW TO BLOW UP A PIPELINE ist keine Gebrauchsanweisung, keine politische Agitation, keine simplifizierende Attitüde. Es ist ein filmisches Fragezeichen, gezündet in einem Diskurs, der allzu oft im Konjunktiv verharrt. Und wer sich nach dem Abspann fragt, ob das nun alles richtig war – hat den Film verstanden.

HOW TO BLOW UP A PIPELINE | Trailer deutsch german [HD]
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