INCURA – „Incura“ (Inside Out Music); VÖ: 05.03.2013

INCURA – „Incura“ (Inside Out Music); VÖ: 05.03.2013

Cover INCURA - "Incura"

Wenn Pathos zur Pose wird und Pose zur eigenständigen Kunstform, dann betreten wir das Universum von INCURA. Das selbstbetitelte Debütalbum Incura ist eine so vehemente Absage an Zurückhaltung, Ironie und Indie-Minimalismus, dass es im Jahr 2013 schon wieder revolutionär wirkte. Wo andere Bands sich in kryptischer Lyrik und müder Postmoderne verlieren, tritt INCURA mit ausgestrecktem Brustkorb und barockem Ernst auf – wie ein progressiver Don Giovanni auf Speed. Musikalisch bedient sich die Band aus Kanada bei einer Matrix, die eigentlich unmöglich scheinen müsste: Progressive Metal, Symphonic Rock, Musical-Theatralik und der exaltierte Gestus von Emo. Doch was auf dem Papier nach kalkuliertem Stilpluralismus klingt, manifestiert sich in Incura als geschlossene Ästhetik, als durchinszenierte Klangoper, die nicht zwischen E- und U-Kultur unterscheidet.

Im Zentrum dieser Inszenierung steht der Gesang von KYLE GRUNINGER, der weniger an Metal- oder Rockgrößen erinnert als an das dramatische Vibrato eines Musicalsängers, der gerade in der letzten Reihe des Theaters den finalen Akt rettet. Sein Vortrag oszilliert zwischen aufrichtiger Emphase und artifizieller Deklamation – eine bewusste Überspitzung, die zugleich mit Klischees spielt und diese affirmiert. Es ist diese bewusste Überladung, die Incura zu einem faszinierenden, wenn auch sperrigen Werk macht. Die Songs brechen mit klassischen Strophen-Refrain-Strukturen, arbeiten mit dramaturgischen Steigerungen, Brüchen, Synthesizer-Kaskaden und martialischen Riffs – und erzeugen so eine Atmosphäre, die eher an eine dunkle Rockoper erinnert als an ein Metal-Album. Dabei ist nie ganz klar, ob wir es mit einer ernsten kathartischen Erfahrung zu tun haben oder mit einem Stück Meta-Performance, das seine eigene Theatralik reflektiert.

Was inmitten dieser Dichte deutlich wird: INCURA sind keine ironische Band. Ihr Ernst ist echt. Ihre Oper ist keine Simulation, sondern ein Ausbruch. Und in einer Poplandschaft, die sich zu oft hinter Coolness und Lakonie verschanzt, wirkt ein Album wie Incura gerade deshalb erfrischend – weil es keine Angst hat, zu viel zu sein. Weil es lieber scheitert als langweilt. Weil es sich traut, Drama nicht nur als Stilmittel, sondern als konzeptuelle Essenz zu verstehen. Für Freund*innen kalkulierter Understatement-Ästhetik mag das alles zu dick aufgetragen sein. Doch wer bereit ist, sich auf das Gesamtkunstwerk einzulassen – inklusive aller Kitschmomente und exaltierter Vocals –, findet hier eine Form von künstlerischer Totalität, die in der Gegenwart selten geworden ist. Incura ist das Gegenteil von Hintergrundmusik. Es ist eine Bühne, auf der jede Geste zählt. 

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