
Es ist ein sonderbares Phänomen: Während der globale Metal-Markt sich in immer neue Subgenres und Sub-Subgenres fragmentiert, kommen aus Finnland seit Jahren Platten, die diese Schubladen elegant ignorieren. Tulijoutsen, das zweite Album von KUOLEMANLAAKSO, gehört genau in diese Kategorie. Ein Werk, das sich zwischen Death-Doom, Dark Metal und folkloristischer Melancholie bewegt, ohne sich je für eines dieser Etiketten zu interessieren. Schon der Titel – Tulijoutsen, zu Deutsch: „Feuerschwan“ – kündigt an, dass hier kein schnöder Blick in den Abgrund, sondern ein ästhetisch stilisierter Absturz in die Dunkelheit bevorsteht. KUOLEMANLAAKSO, das Projekt des Autors, Journalisten und Gitarristen LAAKSO, legt mit diesem Album eine beinahe klassische Tragödie in sieben Akten vor – von der eröffnenden Wucht in Aarnivalkea bis zum letzten, fast kosmischen Seufzen von Tuonen Tähtivyö.
Der Klang hat sich gewandelt: Wo das Debüt noch mit klammen Händen in den Sümpfen des Old-School-Death-Doom wühlte, ist Tulijoutsen eine kalte, weite Landschaft. Das liegt nicht zuletzt an der kristallinen Produktion von V. SANTURA (DARK FORTRESS, TRIPTYKON), die selbst die schwersten Gitarrenlinien mit Raum und Tiefe versieht. Hier atmet der Doom, ohne zu zerbröckeln. Er schreit, ohne zu entgleisen. Und inmitten dieses eleganten Morasts: MIKKO KOTAMÄKI, besser bekannt als die Stimme von SWALLOW THE SUN. Sein Gesang changiert zwischen Grabesgrowl, verwaschenem Flüstern und fast schon verletzlicher Klarheit. Auf Finnisch wohlgemerkt – ein mutiger Schritt, der aber genau die richtige Entscheidung ist. Denn die Sprache verstärkt das Gefühl, einer uralten liturgischen Beschwörung beizuwohnen, einer Art Naturmystik, die sich jedem banalen Kitsch verweigert. Besonders in Stücken wie Me Vaellamme Yössä oder Arpeni klingt das wie die Vertonung eines verlorenen Gedichts von Eino Leino.
Und dennoch: KUOLEMANLAAKSO inszenieren keine Flucht ins Idyll. Sie bringen die Düsternis mit einer fast trotzigen Eleganz auf die Bühne, die an AMORPHIS zu Elegy-Zeiten erinnert, an frühe OPETH, ja vielleicht sogar an DEAD CAN DANCE – allerdings mit weniger Weihrauch und mehr kaltem Rauch. Der Feuerschwan ist kein Tier der Hoffnung, sondern der Läuterung. In einer Szene, die sich oft hinter aggressiver Produktion und düsterer Maskerade versteckt, wirkt Tulijoutsen aufrichtig. Nicht unbedingt originell im engeren Sinne – aber originär. KUOLEMANLAAKSO beweisen, dass Authentizität kein Modewort, sondern eine Haltung sein kann. Ein Album wie ein Ritual. Wer sich einlässt, wird nicht mit Erleuchtung belohnt – sondern mit einem Funken Wärme inmitten des Schnees.





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