MAERZFELD – „Fremdkörper“ (Südpolrecords); VÖ: 03.01.2014

MAERZFELD – „Fremdkörper“ (Südpolrecords); VÖ: 03.01.2014

Cover MAERZFELD - "Fremdkörper"

Die Neue Deutsche Härte ist mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte alt, und kaum ein anderes Genre hat sich so sehr in seinen eigenen Klischees eingerichtet wie dieser Hybrid aus harten Gitarren, martialischen Rhythmen und tiefem, oft rollendem Gesang. Dass die Nische dennoch nach wie vor neue Protagonisten anzieht, zeigt die Geschichte von MAERZFELD. Ursprünglich als Ableger des RAMMSTEIN-Coverprojekts STAHLZEIT ins Leben gerufen, entwickelte die Formation um Frontmann HELI REISSENWEBER früh den Ehrgeiz, sich nicht allein auf das Nachspielen zu beschränken. Mit ihrem zweiten Album Fremdkörper beanspruchen MAERZFELD, ein eigenständiger Teil der Szene zu sein – und doch stellt sich die Frage, wie eigenständig das Ergebnis wirklich ist.

Musikalisch präsentiert sich Fremdkörper wie ein Schaulaufen der bekannten Stilmittel. Gitarrenwände türmen sich bedrohlich auf, Synthesizerlinien setzen akzentuierte Stiche, das Schlagzeug arbeitet in geradlinigem Vorwärtsdrang. Über allem thront REISSENWEBERs tiefer Gesang, der mal anklagend, mal beschwörend, mal lasziv die Themen zwischen Lust, Gewalt und gesellschaftlicher Provokation abdeckt. Im Prinzip ist hier alles an Ort und Stelle, was man von einer Platte dieses Genres erwartet. Und doch entsteht der Eindruck, dass die Rezeptur zu sehr auf Bewährtes setzt, zu wenig auf Überraschungen. Im direkten Vergleich drängen sich Parallelen zu EISBRECHER auf, deren Pathos zwischen Melodie und Härte seit Jahren Maßstäbe setzt. Auch die Nähe zu STAHLMANN ist unverkennbar, gerade in den Momenten, in denen der Sound auf Eingängigkeit zielt und die provokativen Texte eher aneinandergereihte Schlagworte als tiefgehende Erzählungen liefern. MAERZFELD gelingt es durchaus, Druck zu erzeugen und eine dunkle, bedrohliche Atmosphäre zu entwerfen – aber man ertappt sich beim Hören oft bei der Frage: Habe ich das nicht schon einmal so oder so ähnlich gehört?

Die Stärke des Albums liegt weniger im Innovationstrieb als in seiner handwerklichen Solidität. Fremdkörper ist gut produziert, druckvoll gemixt und wirkt in jeder Sekunde professionell. Hier wird nichts dem Zufall überlassen: die Gitarren knallen, die Bässe drücken, die Elektronik schneidet wie ein kalter Windstoß durch die Arrangements. MAERZFELD wissen genau, wie ein NDH-Album im Jahr 2014 zu klingen hat, und liefern genau das. Doch gerade diese Berechenbarkeit macht das Album zum zweischneidigen Schwert: Wer Verlässlichkeit und Genre-Treue schätzt, wird zufrieden sein. Wer aber nach einer eigenen Handschrift sucht, vermisst das „Fremdkörper“-Element, das der Titel verspricht.

Thematisch setzen MAERZFELD auf eine bekannte Mischung aus Körperlichkeit, Gewaltmetaphern und gesellschaftlicher Provokation. Ob Lust, Krieg oder Tabubrüche – das Vokabular bleibt nah an dem, was die Szene seit den Neunzigern geprägt hat. RAMMSTEIN sind hier weiterhin die unüberhörbare Referenz, auch wenn MAERZFELD sich hörbar bemühen, nicht als bloße Kopie zu gelten. Doch die Gratwanderung gelingt nur bedingt: Statt als „Fremdkörper“ in der Szene aufzutreten, wirken MAERZFELD eher wie ein solides Puzzleteil, das sich nahtlos in die bestehende Landschaft einfügt. Das bedeutet nicht, dass Fremdkörper ein schlechtes Album wäre – im Gegenteil. Für Fans des Genres bietet es genau das, was sie erwarten: kraftvolle Songs, die sowohl in dunklen Clubs als auch auf Festivals ihre Wirkung entfalten. Man kann zu diesen Stücken tanzen, grölen, sich im stampfenden Rhythmus verlieren. MAERZFELD liefern den Soundtrack für jene, die an der Energie der NDH nicht sattwerden. Aber es fehlt der Funke, der das Album aus der Masse hervorheben würde.

Im Rückblick lässt sich sagen: Fremdkörper war ein wichtiger Schritt für MAERZFELD, um sich jenseits der Cover-Vergangenheit als ernsthafte Band zu positionieren. Doch es bleibt ein Album, das mehr den Status quo bestätigt, als ihn herauszufordern. Zwischen solidem Handwerk und vertrauter Pose ist es ein Werk, das Respekt verdient, aber selten Begeisterung entfacht. Wer EISBRECHER oder STAHLMANN im Regal stehen hat, wird sich schnell heimisch fühlen – vielleicht zu schnell.

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