
Wenn man Karjajuht im Player oder Stream startet, hat man nicht das Gefühl, einer „Band“ zuzuhören – vielmehr wirkt es, als würden vier Typen aus Tallinn direkt im Wohnzimmer ein Feuer entzünden, ein Fass Bier anstechen und dabei uralte Runen in den Teppich brennen. METSATÖLL sind seit jeher mehr als eine Folk-Metal-Combo: Sie sind lebendige Mythologie im Verstärkerformat. Und auf ihrem 2014er Werk Karjajuht zeigen sie, dass estnische Folklore nicht nur museal ins Regal gehört, sondern mit Thrash-Riffs, Dudelsack und reichlich Schweiß durch die Boxen geprügelt werden kann. Gleich der Opener Külmking macht klar: Hier geht es nicht um Gedöns, sondern um Druck. Kein sphärisches Intro, kein Wald-und-Wiesen-Geklimper – sofort wummert das Schlagzeug, die Gitarren rotieren, und die Stimme klingt, als sei sie in Birkenpech mariniert. Das ist Metal, der weder trendy noch glattgebügelt daherkommt, sondern so erdig, dass man sich die Schuhe putzen möchte, nachdem der Song vorbei ist.
Mit Lööme Mesti holen sich METSATÖLL dann Verstärkung ins Haus: JONNE JÄRVELÄ von KORPIKLAANI sorgt für den kollektiven Bruderschafts-Vibe. Das klingt tatsächlich so, als würde man die Kneipentür eintreten, einen Metkrug auf den Tresen knallen und inbrünstig mitsingen – völlig egal, ob man Estnisch versteht oder nicht. Sprachbarrieren sind bei METSATÖLL eh zweitrangig. Die Energie transportiert sich direkt in die Faust. See On See Maa und Must Hunt bringen dann das Tierische und Mythische ins Spiel: Lieder vom Land, vom Wald, von der Jagd. METSATÖLL bleiben ihrer Linie treu, Natur und Mythologie nicht als Fantasy-Kitsch zu verklären, sondern als urwüchsige Realität zu behandeln. Wer hier nur an LARP und Plastikschwerter denkt, hat die Pointe verpasst – die Band will nicht verzaubern, sondern erden. Mit Öö folgt eine kurze, aber stimmige Zäsur. „Nacht“ heißt das Stück, und genau so klingt es: geheimnisvoll, fast beschwörend. Keine Ballade im klassischen Sinn, sondern ein atmosphärisches Atemholen, bevor die Fässer wieder losdonnern.
Auf der zweiten Hälfte zeigt sich die Band in ihrer vollen Spannweite. Tõrrede Kõhtudes rumpelt wie ein Fass, das den Hang hinunterrollt, während Metsalase Veri die archaische Ader aufreißt – das Blut der Wildnis tropft hier in jede Note. Und dann kommt Surmamüür: Mit KADRI VOORANDs gespenstischem Gastgesang erhält das Album plötzlich eine surreale Dimension. Wo zuvor Männerstimmen dominierten, pfeift nun ein kalter Wind durchs Klangbild, der Gänsehaut hinterlässt. Der Titeltrack Karjajuht selbst wirkt wie die Manifestation des ganzen Albums. Der „Anführer der Herde“ ist mehr als nur eine Metapher – es ist das Selbstverständnis der Band. METSATÖLL wollen nicht das nächste Folk-Metal-Klischee bedienen, sie wollen eine Herde zusammenrufen, eine Gemeinschaft, die sich in archaischen Symbolen wiederfindet. Der Song ist schlicht ein Ruf zum Zusammenhalt, in dem die Gitarren wie Peitschen knallen.
Zum Schluss Talisman: ein Song, der das Album mit einem Hauch von Spiritualität abschließt. Man fühlt sich weniger wie nach einem Konzert, sondern eher wie nach einer nächtlichen Zeremonie, aus der man leicht benommen, aber irgendwie gestärkt hervorgeht. Soundtechnisch überzeugt Karjajuht durch eine direkte, unverstellte Produktion. Nichts wirkt überladen, nichts klingt nach Studio-Overkill. Stattdessen wird Folk nicht als Zierde verstanden, sondern als gleichwertige Waffe neben den Gitarren. Torupill, Kannel & Co. sind nicht exotische Gimmicks, sondern elementarer Teil des Ganzen.
Karjajuht ist kein „easy listening“ und schon gar nicht der Soundtrack für den nächsten Mittelaltermarkt. METSATÖLL haben eine Platte vorgelegt, die sich sperrt, reibt und trotzdem mitreißt. Wer mit Dudelsack im Metal nichts anfangen kann, wird hier nicht bekehrt. Aber wer sich auf die rohe Mischung aus Tradition und Thrash einlässt, bekommt ein Album, das genauso hart wie heimatverbunden klingt. Humor blitzt immer wieder auf – aber der ist nie albern, sondern Teil des großen Rituals. Und so bleibt am Ende der Eindruck: METSATÖLL sind nicht nur Musiker, sie sind Priester einer alten Religion – und Karjajuht ist ihre Predigt im 4/4-Takt.





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