
Ein mysteriöser Virus breitet sich aus. Doch anders als bei herkömmlichen Epidemien rafft er nicht die Schwächsten dahin, sondern die Reichsten: Zuerst sterben Milliardäre, dann Millionäre, schließlich alle, die Vermögen oder Besitz haben. Die Ursache bleibt ungeklärt, aber eines ist sicher – je mehr jemand besitzt, desto größer das Risiko, zu erkranken. Während die globale Elite verzweifelt versucht, ihren Reichtum loszuwerden, um nicht zur Zielscheibe zu werden, beginnt ein weltweites soziales Beben.
Im Zentrum der Handlung steht LAURA PALMER (MARY ELIZABETH WINSTEAD), eine ambitionierte Aufsteigerin, die sich gerade zur Führungskraft eines Streaming-Unternehmens hocharbeitet. Doch mit dem wachsenden Einkommen wächst auch die Angst – vor Ansteckung, Ausgrenzung, Tod. Gemeinsam mit ihrem Partner OLIVER (JONAH HAUER-KING), ihrer MUTTER (LORRAINE BRACCO) und ihrer TOCHTER (DIXIE EGERICKX) flieht sie aus der Stadt, aus Europa – auf der Suche nach einem Ort, an dem Reichtum nicht mehr tödlich ist.
Auf dem Mittelmeer begegnen sie einer jungen, schwarzen Geflüchteten (CÉSAR DOMBOY), die auf dem Weg nach Europa war – in der irrigen Annahme, dass dort noch alles beim Alten sei. Doch die Verhältnisse haben sich längst umgekehrt. Es ist nun Europa, das zerfällt, während die Familie um LAURA um Asyl bittet – ausgerechnet in Afrika. In einer weiteren Umkehrung der Realität ist es diese Geflüchtete, die sich ihrer annimmt, sie verteidigt, ihnen das Leben rettet. Eine Umkehr der Umkehr – und ein erzählerisches Ausrufezeichen des Films.
Regie führt GALDER GAZTELU-URRUTIA (EL HOYO), das Drehbuch stammt von PEDRO RIVERO, ROAD DAU und dem Regisseur selbst. Der Film ist eine spanisch-chilenische Koproduktion, überwiegend in englischer Sprache inszeniert.
Was wie eine Komödie beginnt – mit überdrehten Bänkern, hysterischen Millionärsgattinnen und dem panischen Versuch, Immobilien „zu verschenken“ – entwickelt sich rasch zur dystopischen Gesellschaftssatire. RICH FLU treibt eine einfache, aber geniale Idee auf die Spitze: Was wäre, wenn Reichtum nicht mehr Sicherheit, sondern Gefahr bedeutete?
Der satirische Subtext ist dabei nicht zu übersehen. In einer Welt, in der Geld alles zu regeln scheint – von Bildung über Gesundheit bis hin zum Zugang zu Macht – wird es hier zum Todesurteil. Wer viel besitzt, hat plötzlich ein Problem: sich glaubhaft als arm auszugeben. In einer Szene versteckt LAURA PALMER ihre Apple Watch in einer Mülltonne, in einer anderen feilscht sie mit Obdachlosen um eine zerlumpte Decke. Der Film kehrt die Symbolik des Elends um – nun ist es Statussymbol.
Mit diesem Umkehrprinzip gelingt dem Film ein subversiver Perspektivwechsel. Das skrupellose Wettrennen um Besitz verkehrt sich in ein ebenso skrupelloses Rennen um Enteignung. Spenden, Schenkungen und Altruismus werden nicht aus moralischer Einsicht betrieben, sondern aus nackter Angst. Das Moralkonto ersetzt das Bankkonto – wer zu viel hat, stirbt. Wer wenig hat, wird plötzlich begehrt – nicht wegen seiner Meinung, sondern wegen seines Überlebensvorteils.
In seiner zweiten Hälfte schlägt RICH FLU dann eine unerwartete Richtung ein. LAURA und OLIVER fliehen mit einem Boot nach Afrika – und die Welt steht endgültig Kopf. In einem überfüllten Camp suchen die beiden, nun mittellos, Asyl. Die Europäer sind es, die fliehen. Die Afrikaner sind es, die kontrollieren, ablehnen oder helfen – oder eben nicht. In dieser radikalen Umkehrung realer Flüchtlingsdramen liegt der eigentliche Schock des Films. Satirisch überspitzt und durchaus ironisch wird hier eine Welt gezeigt, in der Europa plötzlich „Drittland“ ist – und niemand wartet auf die Rückkehr der abgetretenen Eliten.

Diese Umkehrung wird allerdings etwas zu plötzlich eingeleitet. Der dramaturgische Bruch wirkt forciert – fast wie der Versuch, dem satirischen Konzept einen humanistischen Überbau zu geben. Was vorher als scharfsinnige Farce funktioniert, droht nun ins Didaktische zu kippen. Doch auch in dieser Schwäche bleibt der Film unbequem – gerade weil er konsequent fragt, was Privileg eigentlich ist, wenn es keinen Wert mehr hat.
Visuell bleibt RICH FLU durchgehend stark. Die Inszenierung ist kühl, durchkomponiert, oft in Weiß- und Grautönen gehalten. Die Architektur der Reichen wird zur kalten Festung, die Isolation wird visuell durch Glaswände, Spiegelflächen und sterile Räume spürbar gemacht. Besonders auffällig: die leuchtend weißen Zähne der Infizierten – ein groteskes Detail, das wie ein böses Lächeln der Oberschicht wirkt, das nun zur Krankheit geworden ist
RICH FLU ist ein Film, der wagt, was viele nur andeuten: Er stellt die soziale Ordnung auf den Kopf – konsequent, satirisch und mit bitterbösem Humor. Seine erste Hälfte brilliert durch eine dichte Idee und messerscharfe Beobachtungen. Die zweite Hälfte verliert zwar an erzählerischer Schärfe, bleibt aber kraftvoll in ihrer Provokation. Wer sich fragt, wie Umverteilung als Horrorfilm aussehen könnte, bekommt hier eine eindrucksvolle Antwort: Stell dir vor, du wärst reich – und niemand will dich mehr.
Das Video wird von Youtube eingebettet und erst beim Click auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google.





Schreibe einen Kommentar