
Mit Bleeds veröffentlicht ROOTS MANUVA ein Album, das weniger als musikalisches Produkt, sondern vielmehr als seelisches Dokument verstanden werden will. Der britische MC Rodney Hylton Smith seziert in elf Tracks nicht nur die eigene Biografie, sondern auch ein gesellschaftliches Klima aus Entfremdung, Glaubenszweifel und politischer Lähmung – und tut das mit einer künstlerischen Radikalität, die man in dieser Form nur selten hört. Schon der Titel Bleeds – „es blutet“ – ist Programm. Die Musik wirkt wie aus der Wunde geschrieben: roh, zerklüftet, schwer verdaulich. Statt auf klassische Beatstrukturen zu setzen, brechen die Produktionen gezielt mit Erwartungen. Verantwortlich dafür sind unter anderem Four Tet, Switch, Fred und Adrian Sherwood, die ein Klangbild entwerfen, das zwischen Dub, Electronica, Grime und Noise mäandert. Das Ergebnis ist kein durchhörbarer Soundtrack, sondern ein bedrückender, aber faszinierender Klangraum, der sich immer wieder selbst untergräbt.
Der Track Cargo markiert diesen Tonfall mit Nachdruck. In schleppendem Tempo und düsteren Sounds manifestiert sich ein Gefühl der Bewegungslosigkeit: „I’m cargo, I travel“ – ein Mensch als Ware, als Teil eines Systems, das keine Stimme duldet. Es folgen Tracks wie Don’t Breathe Out, die wie existenzielle Gebete klingen, oder Crying, in dem MANUVA Sprachgrenzen sprengt, Laute verformt, Emotionen in fragmentarische Verse gießt. Was Bleeds besonders macht, ist die Art, wie ROOTS MANUVA sich verweigert: dem klassischen Rap-Pathos ebenso wie dem einfachen Storytelling. Stattdessen erleben wir einen Künstler, der assoziativ schreibt, der Bilder, Reime und Gedanken aneinanderreiht wie brennende Drahtstücke – mal wütend, mal resigniert, mal spirituell suchend. Dabei zieht sich eine intensive Symbolik durch das Album, voller religiöser Anspielungen, innerer Konflikte und gesellschaftlicher Kritik. Es geht nicht um Lösungen, sondern ums Aushalten.
ROOTS MANUVA stellt sich in diesem Werk nackt und verletzlich in den Raum – nicht, um Mitleid zu erzeugen, sondern um eine andere Perspektive auf Stärke zu formulieren. Verletzlichkeit wird hier zur Form der Selbstermächtigung. In einer Szene, die häufig auf Status, Maskulinität und Pose setzt, ist Bleeds das radikale Gegenteil: ein antinarratives, antirepräsentatives Manifest.
Wer hier nach Hits im klassischen Sinn sucht, wird enttäuscht. Doch gerade in seiner Sperrigkeit liegt die Qualität dieses Werks. Es ist ein Album, das nicht konsumiert, sondern durchlebt werden will. ROOTS MANUVA gelingt damit ein seltener Kraftakt: Er verwandelt persönliche Zerrissenheit in ein musikalisches Statement von universeller Relevanz.



