THE FAUNS – „Lights“ (Invada) VÖ: 01.01.2014

THE FAUNS – „Lights“ (Invada) VÖ: 01.01.2014

Cover THE FAUNS - "Lights"

Es ist schon beinahe eine Ironie der Musikgeschichte: Während die großen Shoegaze-Institutionen in den 2010er-Jahren zwischen Reunion und Nostalgie pendelten, kamen aus Bristol fünf Musiker*innen daher, die den Sound nie als Retrospektive, sondern als Gegenwart verstanden. THE FAUNS veröffentlichen mit Lights ihr zweites Album – und stellen sich damit in eine Traditionslinie, die zugleich erdrückend und befreiend wirkt. Denn Shoegaze ist längst nicht mehr die rebellische Klangsprache der Neunziger. Er ist Kanon, eine verklärte Ästhetik, die endlos zitiert wird. Aber THE FAUNS machen daraus keine bloße Hommage. Vielmehr greifen sie den Gestus des Verschwindens im Hall, das Auflösen des Individuums im Kollektiv der Gitarrenschichten auf – und übertragen es in eine Zeit, die sich nach Verflüchtigung sehnt.

Lights ist kein Album, das mit Melodien prahlt oder den Hörer*innen schnelle Hooks anbietet. Stattdessen zieht es eine dichte Klangwand hoch, in der sich die Stimme von ALISON GARNER auflöst, manchmal kaum mehr als ein Hauch. Es ist ein ästhetisches Programm: Pop, der seine Subjektivität verweigert, der nicht im „Ich“ verharrt, sondern sich in der Totalität des Sounds verliert. Das ist Shoegaze als postromantische Strategie, aber auch als Kommentar auf eine Gegenwart, die das Individuum ständig zur Sichtbarkeit zwingt. Dabei ist Lights nicht hermetisch. Songs wie Ease Down oder Nothing Ever zeigen, dass THE FAUNS sehr wohl ein Gespür für Eingängigkeit haben. Aber sie verpacken diese Eingängigkeit in ein diffuses Leuchten, das eher an Traumsequenzen erinnert als an Radiotauglichkeit. Das Album ist damit weniger ein Werk für die schnelle Rezeption, sondern eher ein Ort, an dem man sich verliert. Die Nähe zu PORTISHEAD – durch Label und gemeinsame Auftritte – ist nicht nur ein biografisches Detail. Auch hier geht es um das Kino im Kopf, um Sound, der größer ist als die eigene Lebenswirklichkeit. Wo PORTISHEAD das Dunkle, das Bedrohliche suchen, setzen THE FAUNS auf das Entrückte, auf ein Schweben zwischen Euphorie und Melancholie. Man könnte Lights als Teil des Shoegaze-Revival der 2010er-Jahre verorten, zwischen Bands wie DIIV oder RINGO DEATHSTARR. Doch anders als viele ihrer Zeitgenoss*innen verzichten THE FAUNS auf allzu viel Retro-Patina. Ihr Sound ist klar produziert, fast modernistisch, mit einem Hang zur cineastischen Überhöhung. Das macht das Album zu einem Hybrid: nostalgisch im Gestus, aber gegenwärtig im Klang.

Am Ende ist Lights kein Werk für Eile. Es verlangt Hingabe, ein Eintauchen, ein Verlieren. Und vielleicht liegt genau darin seine Qualität: THE FAUNS entziehen sich dem Bedürfnis nach dem nächsten großen Moment und schaffen stattdessen eine Welt, die aus Schweben, Flimmern und Verlöschen besteht. Ein Album wie eine Lichtquelle in Nebel – diffus, aber unwiderstehlich.

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