THE HIDDEN CAMERAS – „Age“ (Evil, Evil, Evil, Evil); VÖ: 24.01.2014

THE HIDDEN CAMERAS – „Age“ (Evil, Evil, Evil, Evil); VÖ: 24.01.2014

Cover THE HIDDEN CAMERAS - "Age"

Wer THE HIDDEN CAMERAS bislang nur als kanadisches Kollektiv queer-populärer Euphorie kannte – als ein Kaleidoskop zwischen kirchenchoraler Ironie, Schlafzimmerintimität und selbstbewusster Körperpolitik –, der dürfte bei Age zunächst irritiert sein. Denn mit diesem Album hat sich JOEL GIBB endgültig vom euphorischen Gestus der frühen 2000er verabschiedet. Keine tanzenden Bären in Unterwäsche, keine parodierten Sakramente, keine orgiastischen Manifestationen queerer Lebensfreude mehr. Stattdessen: ein dunkles, entschlacktes Werk, das seine Kraft aus Reduktion, Reflexion und Resignation bezieht.

Age ist ein Konzeptalbum – aber eines, das seine Begriffe unterwandert. Es geht nicht bloß um das Altern im physischen Sinne, sondern um gesellschaftliche Reifungsprozesse, um das verpasste Erwachsenwerden einer Szene, die sich einst als revolutionäre Avantgarde verstand. In Songs wie Skin & Leather oder Afterparty wird deutlich, dass JOEL GIBB nicht mehr Teil einer Bewegung sein will, die sich über hedonistische Selbstverwirklichung definiert. Stattdessen dokumentiert er den Kater danach – und zieht sich in eine musikalische Kammer zurück, die mehr mit der spröden Introspektion eines SCOTT WALKER zu tun hat als mit Indiepop-Gestus. Dabei gelingt GIBB das Kunststück, seine Stimme als fragiles Instrument zu nutzen – mal hauchend, mal weinerlich, immer aber kontrolliert. Streicher, Klavier, elektronische Texturen und minimalistische Beats bilden das Gerüst für Songs, die weniger erzählen als erinnern. Gay Goth Scene ist das Zentrum des Albums – ein Lied über Homophobie, Ausschluss und Gewalt, dessen kindliche Stimme (gesungen von GIBBs Neffen) unter die Haut geht. Es ist ein Lied, das nicht trösten will, sondern bloß die Wunde zeigt. Und das tut weh.

Was Age so besonders macht, ist seine dichte Atmosphäre. Die Songs wirken wie durch Milchglas betrachtet, verschwommen, fast traumatisch. Es ist ein Album über das Nachdenken, das Nicht-Vergessen-Können. Über die Trümmer politischer Versprechen und die Sehnsucht nach Nähe in einer Welt der Zäune. Der Track Ordinary Over You etwa klingt wie eine kaputte Hymne auf verlorene Intimität, während Carpe Jugular – ein bitter-ironisches Wortspiel – zwischen Lust und Kontrollverlust changiert. Mit Bread For Brat und Doom unterfüttert das Album seine düstere Vision mit zerfurchten Beats und lakonischer Melodik – Musik, die mehr sagt, wenn sie schweigt. Der Abschlusstrack Year Of The Spawn schließlich wirkt wie ein düsteres Oratorium für eine zersplitterte Zeit, voll von apokalyptischen Andeutungen und kalter Schönheit.

THE HIDDEN CAMERAS liefern mit Age kein leicht konsumierbares Werk ab. Wer plakative Refrains, hymnische Queerness oder gar Ironie sucht, wird scheitern. Doch gerade dieser Verzicht ist ein Statement. Age ist ein Album für eine Zeit, in der Unsichtbarkeit wieder zur Strategie des Überlebens wird – ein Werk, das nicht schreit, sondern flüstert, nicht feiert, sondern erinnert. Und dabei radikaler ist als vieles, das sich laut gibt. JOEL GIBB hat mit Age ein Alterswerk geschaffen – inmitten eines Jugendkults. Und genau das macht es so notwendig.