
In Zeiten, in denen das Wort Heimat wahlweise verklärt, instrumentalisiert oder verdrängt wird, wagt ein musikalisches Projekt den denkbar schwierigsten, aber vielleicht produktivsten Schritt: es denkt den Begriff weiter. Der Sampler Heimatlieder aus Deutschland – Berlin/Augsburg, erschienen 2015, ist kein Album im klassischen Sinne – sondern ein hörbares Plädoyer dafür, Heimat als einen vielstimmigen Resonanzraum zu begreifen. Initiiert wurde das Projekt von MARK TERKESSIDIS und DANIEL HÄCKER, getragen vom Goethe-Institut und verwirklicht unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Berliner Label KARAOKE KALK. Was dabei entstand, ist ein Klangarchiv, das ebenso soziologisch wie musikalisch zu denken ist. Denn Heimatlieder dokumentiert die Musik migrantischer Chöre und Musikgruppen aus Berlin und Augsburg – und damit ein kulturelles Leben, das in Deutschland längst zur Realität gehört, aber kaum offiziell mitgeschrieben wird.
Wer hier Folklore erwartet, bekommt vielmehr Erinnerung, Erschütterung und Empathie. Ensembles wie MEŞK, LA CARAVANE DU MAGHREB, der KOREANISCHE CHOR BERLIN oder KLAPA BERLIN tragen Lieder vor, die tief in den jeweiligen Herkunftstraditionen wurzeln – und doch nun in Deutschland gesungen werden. Auf Vietnamesisch, Portugiesisch, Arabisch, Kroatisch, Koreanisch. Von Menschen, die in Augsburg oder Neukölln leben, arbeiten, proben – und singen.
Das klingt in weiten Teilen nach Proberaum, nach Gemeindesaal, nach Wohnzimmer. Hochglanz ist hier nicht gefragt, sondern Authentizität. Keine Fusion-Ästhetik, keine Lounge-Tauglichkeit. Stattdessen: ein Kanun in einem marokkanischen Hochzeitslied, ein leiser portugiesischer Fado, ein syrisches Wiegenlied, gesungen mit müder Stimme. Die Aufnahmen sind roh, manchmal brüchig – aber voller Würde.
Gerade durch diese Unmittelbarkeit wird das Album zu einem Gegenentwurf zur gängigen „Weltmusik“. Es geht nicht um Exotismus oder um tanzbare Diversität, sondern um Dokumentation: Was klingt eigentlich wirklich in der deutschen Gegenwart, wenn man hinhört? Und wie viele dieser Klänge sind uns fremd – obwohl sie längst Teil unseres Alltags sind? Dass dieses Projekt 2015 erschien, also just in dem Jahr, als die sogenannte „Flüchtlingskrise“ begann, gibt ihm eine besondere politische Relevanz. Es ist kein Zufall, dass viele der Lieder von Flucht, Abschied und Sehnsucht handeln – nicht im agitatorischen Sinne, sondern als geteilte Erfahrung. Heimatlieder ist damit auch ein Gegenentwurf zur damals lauter werdenden Rhetorik kultureller Abschottung. Die Aufnahme eines albanischen Polyphonie-Gesangs neben einem rumänischen Kirchenchor macht klar: Heimat ist kein Ort, sondern ein Beziehungsgeflecht.
Spannend ist, wie das Projekt weitergedacht wurde. GUDRUN GUT veröffentlichte im selben Jahr die Remix-Edition Vogelmixe, in der sie acht der Songs in minimalistische Elektronik überführte – ohne sie zu glätten. Diese Bearbeitungen beweisen, dass die Lieder nicht nur dokumentarischen, sondern auch ästhetischen Wert besitzen. Sie sind anschlussfähig, ohne sich anzubiedern. Heimatlieder aus Deutschland – Berlin/Augsburg ist ein Album, das sich dem schnellen Hören entzieht. Es will nicht unterhalten, sondern begleiten. Es lädt zum wiederholten Hinhören ein – und lässt dabei eine Ahnung aufkommen, was „Heimat“ auch bedeuten kann: ein Ort, an dem viele Geschichten zugleich erzählt werden dürfen. Auch und gerade, wenn sie nicht deutsch klingen. Und vielleicht ist genau das heute das Radikalste, was Musik leisten kann.




