
Es ist ein Bild, das fast schon ins Ikonische rückt: Eine Frau, schwarz, kräftig, Mitte vierzig, die sich nicht den Konventionen der Popwelt fügt, sondern ihnen trotzig entgegensteht. BIG MAMA THORNTON, die Sängerin, die ELVIS PRESLEY einst die Blaupause für seinen Welthit Hound Dog lieferte, veröffentlicht 1969 auf Mercury Records ein Album, das seinen Titel aus einer Waschmittelwerbung bezieht: Stronger Than Dirt. Hinter der Ironie dieses Slogans verbirgt sich eine Botschaft von fast schmerzlicher Ernsthaftigkeit – stärker als der Schmutz zu sein, das bedeutete für eine schwarze Bluesmusikerin jener Zeit, stärker sein zu müssen als die ökonomischen Zumutungen, die rassistischen Barrieren und die Übergriffe eines Musikgeschäfts, das seine Rohstoffe liebte, aber selten die Rohstofflieferanten.
THORNTON hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich: die frühen Jahre im Süden der USA, die Aufnahme von Hound Dog 1952, der internationale Ruhm, der sich paradoxerweise eher bei ELVIS PRESLEY einstellte als bei ihr selbst. In Europa, im Rahmen des American Folk Blues Festival, feierte man sie ab Mitte der 60er als lebende Legende. Und dann JANIS JOPLIN, die mit Ball And Chain den Clubbühnen von San Francisco den Atem raubte – ein Song, der ursprünglich THORNTONS war. Die späte Aufmerksamkeit, die JOPLIN damit auf sie lenkte, öffnete noch einmal Türen.
Stronger Than Dirt ist ein Album der Schwelle. Es knüpft an die rohe Direktheit der frühen Bluesjahre an, zeigt sich zugleich aber bereit, in die Sprache des späten Jahrzehnts zu übersetzen: funkgetriebene Grooves, kompakte Bläserarrangements, Coverversionen, die auf Soul und R&B zielen. Zwischen Born Under a Bad Sign und BOB DYLANS I Shall Be Released entfaltet sich eine Dramaturgie, die sowohl Tradition wie Aktualität beansprucht. THORNTON wiederholt sich nicht, sie bekräftigt. Die Stimme ist das Zentrum: dieses grollende, raue Organ, das mehr von Leben erzählt als so manche Biografie. Produzent AL SCHMITT und Arrangeur RENÉ HALL glätten die Kanten, sie holen THORNTON in eine Studiowelt, die kompatibel sein sollte mit der Ästhetik der späten Sechziger. Für Puristen war das ein Verlust – die rohe Urkraft, die man auf den Arhoolie-Aufnahmen hören konnte, tritt zurück. Doch was an Wildheit gebändigt wird, gewinnt an Vielschichtigkeit: Summertime trägt plötzlich die Ahnung von Jazz, That Lucky Old Sun ein Pathos, das eher in den Kirchen des Südens beheimatet ist.
Das Album erreichte in den USA immerhin die LP-Charts, was für einen Blues-Longplayer jener Zeit eine kleine Sensation bedeutete. Und doch blieb der große Durchbruch aus. Vielleicht, weil es im pophistorischen Rückspiegel leichter war, sich an die weiße Aneignung ihrer Songs zu erinnern als an die Frau, die sie zuerst sang. Vielleicht aber auch, weil Stronger Than Dirt weniger ein Produkt der Zeit als ein Widerwort gegen sie war. Heute lässt sich die Platte hören wie ein Manifest: „Stärker als Dreck“ – das ist kein Slogan, sondern eine Selbstvergewisserung. THORNTON singt nicht, um Trends zu bedienen, sie singt, um sich selbst und ihr Erbe festzuschreiben. Und sie tut es mit einer Stimme, die zugleich Waffe und Zuflucht ist, zornig und verletzlich, trotzig und mütterlich.
So liest sich Stronger Than Dirt im Rückblick nicht nur als eines der schlüssigsten Studiozeugnisse dieser Sängerin, sondern auch als kulturgeschichtliches Dokument. Es erzählt von einer Frau, die den Blues durchlebt hatte, bevor er zur Ware wurde. Von einer Künstlerin, die härter war als die Zeit, in der sie lebte. Und von einer Stimme, die noch immer so klingt, als müsse sie gegen eine ganze Welt ansingen.





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