Wiederentdeckung : U2 – „Achtung Baby“ (Island Records); VÖ: 18.11.1991

Wiederentdeckung : U2 – „Achtung Baby“ (Island Records); VÖ: 18.11.1991

Cover U2 - "Achtung Baby"

Als U2 im Herbst 1991 Achtung Baby veröffentlichten, war der Fall bereits klar: Das Pathos der Achtziger war kollabiert – und mit ihm das eigene Image. Die „größte Band der Welt“ hatte sich in eine Sackgasse gespielt, irgendwo zwischen Erlöserpose, Stadionrock und moralischer Überforderung. Was blieb, war eine Frage, die alle Künstler irgendwann stellen müssen: Wie ironisch darf man sich selbst noch meinen, ohne zu zerfallen? Achtung Baby war die Antwort – eine kontrollierte Implosion, ein ästhetischer Selbstmord mit Absicht auf Wiedergeburt.

Produziert in Berlin und Dublin, umgeben von den Trümmern der alten Weltordnung, spiegelt das Album jene fragile Euphorie wider, die den Beginn der 1990er markierte: Mauerfall, Techno, MTV – eine Ära, die glaubte, dass alles möglich sei, wenn man nur das Alte abschüttelt. U2, bis dahin die moralischen Mahner der Popkultur, entschieden sich für die Flucht nach vorn: Distortion statt Betroffenheit, Zynismus statt Zivilreligion. Achtung Baby ist das Dokument einer Bekehrung – vom missionarischen Pathos zum postmodernen Spiel. Die Ästhetik dieser Platte ist schizophren und genau darin revolutionär. Wo früher ein Gitarrenriff zum Zeichen der Wahrhaftigkeit wurde, ist es nun verfremdet, dekonstruiert, gebrochen durch Effekte, die an den Lärm der Großstadt erinnern. THE EDGE’s Gitarre klingt, als würde sie aus der Tiefe eines Digitaldelay-Sarkophags sprechen. Der Sound der Platte – produziert von BRIAN ENO und DANIEL LANOIS – ist eine Art heilige Verwirrung: Industrial-Akzente, Glam-Gesten, elektronische Texturen. Das Album wirkt wie das Berliner Betonäquivalent zur früheren Spirituali­tät – kalt, elektrisch, sinnlich.

Und dann ist da BONO, plötzlich nicht mehr der Prediger, sondern ein ironischer Narr im Glitzeranzug. Der „Zoo TV“-Zyklus, der auf Achtung Baby folgte, war mehr als Tournee – es war eine konzeptuelle Erweiterung des Albums, eine frühe Kritik am Informationsüberfluss, bevor das Wort „Internet“ zum Mythos wurde. Statt Reden zu halten, sampelte er Propaganda. Statt das Publikum zu retten, spiegelte er dessen Zynismus. U2 verstanden plötzlich, dass Authentizität nur noch als Pose funktionieren konnte – und machten aus der Pose ihr Manifest. In dieser Ironie liegt die Größe des Albums. Achtung Baby ist kein bloßes Stilupdate, sondern eine radikale Neubestimmung der Rockmusik im postideologischen Zeitalter. Während Grunge in Seattle den Schmutz des Realen feierte, suchten U2 den Glamour des Künstlichen – als Waffe gegen die eigene Bedeutungsschwere. Die Platte zeigt, dass Distanz nicht immer Entfremdung sein muss. Sie kann auch Befreiung sein.

Zugleich hallt in den Songs eine bittere Erkenntnis nach: Die Ideale der Achtziger – Moral, Glaube, Engagement – sind nicht tot, sie sind nur ironisch geworden. One, die Ballade, die als Hymne des Zusammenhalts gilt, ist bei genauerem Hinhören ein Trennungsbrief, ein resigniertes Bekenntnis zur Unvereinbarkeit von Nähe und Freiheit. Love Is Blindness klingt wie das Ende eines religiösen Zeitalters, das von der eigenen Erleuchtung geblendet wurde.

Achtung Baby war somit mehr als nur eine klangliche Neuerfindung – es war der Versuch, die Rolle des Popstars neu zu definieren. U2 verwandelten sich von Weltverbesserern in Medienreflektoren, von Heiligen in Spieler. Sie antizipierten die Ästhetik der 1990er: Ironie als Haltung, Fragment als Form, Oberfläche als Inhalt. Der frühe Neoliberalismus hatte das große Narrativ bereits zerstört; U2 reagierten darauf, indem sie ein neues erfanden – das der bewussten Selbstinszenierung. Dass dieses Experiment in gigantische Stadioninszenierungen mündete, ist kein Widerspruch, sondern die Pointe: Die Masse feierte den Zynismus als Erlösung. Achtung Baby wurde zur Bibel einer Generation, die wusste, dass Wahrheit ein Effekt der Inszenierung ist.

Heute, über drei Jahrzehnte später, klingt die Platte erstaunlich frisch – nicht trotz, sondern wegen ihres kalkulierten Kontrollverlusts. Wo viele Rockalben ihrer Zeit im Staub ihrer Ernsthaftigkeit vergingen, steht Achtung Baby als Denkmal eines Moments, in dem Popkultur den eigenen Mythos seziert und überlebt hat. Vielleicht war das die letzte wirkliche Revolution im Mainstream-Rock: Eine Band, die sich selbst dekonstruiert, um weiter existieren zu können. Achtung Baby ist das Werk einer Desillusionierung – und zugleich der Beweis, dass man auch in der Ironie glauben kann. Nur eben nicht mehr an Gott. Sondern an das Rauschen.

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