WILLIAM FITZSIMMONS – „Lions“ (Grönland Records); VÖ: 14.02.2014

WILLIAM FITZSIMMONS – „Lions“ (Grönland Records); VÖ: 14.02.2014

Cover WILLIAM FITZSOMMONS - "Lions"

WILLIAM FITZSIMMONS gehört zu jenen Künstlern, die das Private zur Kunstform und das Intime zur ökonomischen Verwertungsstrategie erheben. Kaum ein Musiker hat sich so radikal darauf eingelassen, sein Innenleben in feinsäuberlich beschnittene Folk-Skizzen zu zerlegen, die zugleich wie eine Therapie-Session klingen und doch das Produkt einer sorgfältig orchestrierten Singer-Songwriter-Industrie sind. Mit Lions  legt FITZSIMMONS ein weiteres Album vor, das sich nahtlos in diese melancholische Ökonomie einfügt: ein Werk, das so zerbrechlich wirkt, dass man es am liebsten in Seidenpapier einschlagen möchte, und das gleichzeitig so kalkuliert ist, dass man es ohne Bedenken in der nächsten Starbucks-Playlist vermuten darf. Das Spannungsfeld zwischen Intimität und Inszenierung bildet seit jeher den Kern des FITZSIMMONS’schen Œuvres. Auf Lions wird diese Dialektik noch deutlicher: Die Produktion – erstmals unter Mitwirkung von CHRIS WALLA (DEATH CAB FOR CUTIE) – schiebt die Songs in eine fast schon entrückte Klarheit. Jede gezupfte Gitarre, jedes gehauchte Vocal wirkt derart makellos in Szene gesetzt, dass man sich fragt, ob hier nicht längst das Studio die Tränen übernimmt, die der Sänger vielleicht gar nicht mehr vergießen will.

Und doch: Dieses Album berührt. Weil FITZSIMMONS ein Meister der Andeutung ist. Er sagt nie zu viel, er zeigt eher Risse als Wunden, und darin liegt seine Stärke. In einer Zeit, in der Popmusik oft mit maximalem Pathos über Emotionen hinwegrollt, reduziert Lions alles auf ein Flüstern, ein kaum hörbares Zittern, ein Innehalten. Man könnte fast meinen, die Songs seien weniger geschrieben als vielmehr weggelassen worden – Leerstellen, in die sich das Publikum seine eigenen Geschichten einschreiben darf. Feuilletonistisch betrachtet, ist Lions auch eine Parabel auf die neoliberale Selbstoptimierung: Musik als Self-Care-Soundtrack. FITZSIMMONS liefert die passende Tonspur zum Achtsamkeitskurs, ohne dabei je zu verbergen, dass er selbst ein Überlebender von Scheidung, Depression und Identitätskrisen ist. Der Künstler als Therapeut, der Patient als Konsument – es ist ein ökonomischer Kreislauf, den Lions in sanften Arpeggien perpetuiert. Man lauscht, man fühlt sich verstanden, man kauft die Platte, um das Gefühl des Verstandenwerdens zu konservieren.

Ironisch daran ist: Obwohl FITZSIMMONS eine radikale Subjektivität inszeniert, sind die Songs universaler als man denkt. Lions erzählt von Verlust, Hoffnung, vom Scheitern an der Liebe – Themen, die so generisch sind, dass sie sich in nahezu jede Biografie einschreiben lassen. Genau darin liegt die eigentliche Raffinesse dieses Albums: Die Musik ist individuell codiert, aber massenkompatibel. Der intime Schmerz wird zum Kollektivgut. Natürlich lässt sich das auch kritisieren. Man könnte sagen: FITZSIMMONS macht Wohlfühl-Traurigkeit für ein Mittelschichtspublikum, das sich nach einer Prise gebändigter Melancholie sehnt, ohne den Abgrund wirklich auszuhalten. Dass Lions dabei so gefällig klingt, so perfekt produziert, könnte man als Verrat an der Rauheit werten, die man dem Singer-Songwriter-Genre gerne attestiert. Aber vielleicht ist genau das die Pointe: In einer Welt, in der nichts mehr authentisch ist, ist gerade die Inszenierung der Intimität die ehrlichste Form von Authentizität.

Zugespitzt: Lions ist ein Album, das so sehr im Inneren verweilt, dass es fast schon als Kommentar auf die Außenwelt taugt. Denn während draußen Pop-Eskapismus und EDM-Bombast dominieren, setzt FITZSIMMONS auf eine radikale Reduktion. Ein leises Statement in einer lauten Welt. Doch dieses Leise ist nicht subversiv, sondern eher beruhigend – die akustische Wärmflasche für eine erschöpfte Generation, die sich lieber in Folk-Balladen bettet, als sich mit den Zumutungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Das mag man je nach Haltung als Stärke oder Schwäche begreifen. Sicher ist nur: Mit Lions zeigt WILLIAM FITZSIMMONS einmal mehr, wie man das Private politisch macht – nicht durch Parolen, sondern durch den Rückzug ins scheinbar Unpolitische. Vielleicht ist es genau das, was diese Platte so ambivalent wirken lässt: Sie tröstet, aber sie fordert nicht heraus. Sie umarmt, aber sie stößt nicht.

Am Ende bleibt ein Werk, das in seiner fragilen Schönheit besticht und zugleich Fragen offenlässt. Fragen nach Authentizität, nach Kommerzialisierung, nach der Rolle des Singer-Songwriters im digitalen Zeitalter. Lions ist damit weniger ein Album, das man hört, als eines, das man bewohnt – ein akustisches Refugium, das man nach Belieben betreten kann, wohl wissend, dass es immer schon für genau diesen Zweck gebaut wurde.

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