
Man fühlt sich bei diesem Film unweigerlich in eine vergangene Ära zurückversetzt: The 5th Commandment (2008) von JESSE V. JOHNSON wirkt wie ein Relikt der 80er- und 90er-Jahre, als Actionfilme in den Regalen der Videotheken stapelten – nicht in der oberen Reihe neben Terminator 2, sondern weiter unten, dort, wo Cover mit explodierenden Autos und muskelbepackten Männern zwischen Titel wie Cyborg Cop oder American Ninja 4 lauerten. Dass ein solcher Film im Jahr 2008 erscheint, mutet bereits anachronistisch an.
Im Zentrum steht RICK YUNE als Auftragskiller Chance Templeton – ein Mann, der beruflich tötet und doch durch den Filmtitel unweigerlich mit dem biblischen Gebot „Du sollst nicht töten“ konfrontiert wird. Der Widerspruch ist offenkundig und wird zum dramaturgischen Motor: Die Geschichte vom Killer mit Gewissen, der sich seiner Vergangenheit und seinem Bruder stellen muss. Der Plot ist dabei keineswegs neu, er folgt klassischen Mustern: der tragische Antiheld, das Familiengeheimnis, die moralische Läuterung. Es ist eine Struktur, die in zahllosen B-Movies erprobt wurde, und genau hier liegt das Paradox: Während Hollywood sich 2008 längst anderen Erzählstrategien zuwandte – dem Blockbuster mit Hochglanzoptik und Franchise-Potenzial – bleibt The 5th Commandment ein Abziehbild einer alten Formel.
Dass der Film in den USA keinen regulären Kinoeinsatz erhielt, sondern direkt auf DVD landete, ist ein Symptom seiner Zeit. Der Markt für Videotheken befand sich im Niedergang, Streaming war noch nicht etabliert, und genau dort, im Zwischenreich des Heimkinos, landete er. Ein B-Movie, das eigentlich für die untere Regalreihe bestimmt war, fand sich in einer Welt wieder, in der diese Regalreihen bereits verschwanden. Der kommerzielle Misserfolg ist insofern kein Zufall, sondern Ausdruck einer medialen Transformation: Was in den 90ern vielleicht noch als kleiner Actionhit funktioniert hätte, verpuffte im Jahr 2008.
Doch man sollte den Film nicht vorschnell verwerfen. Denn was auf der einen Seite billig und formelhaft wirkt – stereotype Bösewichte, mittelmäßige Schauplätze, ein Plot wie mit dem Reißbrett konstruiert – entfaltet auf der anderen Seite durchaus seinen Reiz. Action wird hier nicht als digitale Materialschlacht inszeniert, sondern handgemacht: Schusswechsel, Martial-Arts-Choreographien, der heroische Einzelkämpfer, der in Neonlicht und billigen Hotels seine Gegner ausschaltet. In einer Zeit, in der das Actionkino zunehmend von CGI bestimmt wurde, wirkt The 5th Commandment beinahe wie ein trotziges Bekenntnis zur Körperlichkeit.

Die religiöse Symbolik im Titel bleibt dabei merkwürdig blass. Zwar darf man annehmen, dass RICK YUNE mit der Wahl von The 5th Commandment den Versuch unternahm, seinem Drehbuch mehr Gravitas zu verleihen, doch letztlich erschöpft sich der Bezug im Widerspruch zwischen dem Beruf des Killers und dem moralischen Anspruch des Gebots. Die Frage nach Schuld, Sühne und göttlicher Ordnung bleibt Behauptung, sie wird filmisch nicht durchdacht. Doch vielleicht ist gerade das Teil der Ideologie dieses Films: Die Bibel dient als Schlagwort, nicht als Reflexionsanlass. Religion wird so – typisch für das US-amerikanische Popkino – zu einer Oberfläche, zu einer rhetorischen Geste, die Tiefe suggeriert, wo schlicht Unterhaltung geboten wird.
Und Unterhaltung – das ist das Primat dieses Films. Wer ihn schaut, erwartet keine psychologische Raffinesse, keine gesellschaftliche Tiefenanalyse, sondern Schießereien, Faustkämpfe und einen Protagonisten, der sich am Ende seiner Vergangenheit stellen muss. Der Film erfüllt genau das – und nicht mehr. Dass man sich beim Schauen dennoch gut unterhalten fühlt, ist kein Widerspruch, sondern verweist auf eine andere Wahrheit des Kinos: Auch das B-Movie, auch das Relikt aus den unteren Regalen, kann Freude bereiten. Gerade weil es so unzeitgemäß wirkt, entfaltet The 5th Commandment im Jahr 2025 fast schon nostalgischen Charme.
So bleibt der Film als Kuriosum in Erinnerung: ein Versuch von RICK YUNE, sich als Autor und Hauptdarsteller im Actionkino zu etablieren, der kommerziell scheiterte und im kulturellen Gedächtnis kaum Spuren hinterließ. Doch sein Unterhaltungswert, seine Rückkehr zu simplen Mustern und seine Videotheken-Ästhetik machen ihn zu einem Werk, das – allen Schwächen zum Trotz – die Frage stellt, was wir eigentlich vom Kino erwarten. Muss es immer das intellektuelle Meisterwerk sein? Oder reicht manchmal nicht auch ein Film, der weiß, was er ist: ein ehrlicher, altmodischer Action-B-Movie?
Das Video wird von Youtube eingebettet und erst beim Click auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Google.





Schreibe einen Kommentar