Zwischen Kontrolle und Ohnmacht – „Elena weiß Bescheid“ (Argentinien, 2023)

Zwischen Kontrolle und Ohnmacht – „Elena weiß Bescheid“ (Argentinien, 2023)

Poster "Elena weiß Bescheid"

Der Netflix-Film ELENA WEISS BESCHEID (Argentinien, 2023), basierend auf dem Roman von CLAUDIA PIÑEIRO, unter der Regie von ANNA MUYLAERT, scheint zunächst ein Kriminaldrama zu sein. Eine Tochter, RITA (ERIKA RIERA), wird tot aufgefunden, die Polizei spricht von Selbstmord. Doch ihre Mutter ELENA (MERCEDES MORÁN) weigert sich, diese Erklärung zu akzeptieren. Sie beginnt eine eigene Spurensuche. Was sich hier wie der Auftakt zu einem klassischen Whodunit liest, entpuppt sich schon bald als radikal unkonventionelles Kammerspiel über Krankheit, Abhängigkeit und die Zumutungen von Mutterschaft.

ELENA leidet an Parkinson, ihre Bewegungen sind verlangsamt, jede Handlung wird zur Qual. Doch der Film verweigert jede sentimentale Einfühlung. Stattdessen zeigt er, wie diese Frau trotz physischer Zerrüttung ihre Suche erzwingt – nicht aus Liebe, sondern aus einem obsessiven Bedürfnis nach Kontrolle. In Rückblenden entfaltet sich das beklemmende Verhältnis zwischen ELENA und ihrer Tochter RITA: eine Beziehung voller Schuldzuweisungen, Erwartungen und unausgesprochener Gewalt. Der Film macht keinen Hehl daraus: Mutterschaft ist hier nicht heiliger Ort der Zuneigung, sondern ein Machtverhältnis, das sich tief in die Körper einschreibt.

MERCEDES MORÁN spielt diese ELENA ohne mildernde Züge. Sie ist starrsinnig, misstrauisch, unfähig zur Zärtlichkeit – und gerade darin erschreckend authentisch. Der Tod der Tochter wird so nicht zum sentimental ausgeschlachteten Trauma, sondern zur Folie, auf der die sozialen und familiären Zwänge sichtbar werden. Wer sich von ELENA WEISS BESCHEID emotionale Erlösung erhofft, wird enttäuscht. Der Film entzieht sich bewusst jeder Katharsis.

Die Gesellschaft, die hier gezeichnet wird, ist eine zutiefst patriarchale: Frauen, die in der Pflichtrolle als Mutter ersticken, Töchter, die nie frei über ihren Körper und ihr Leben verfügen konnten. In diesem Kontext wird RITAS Tod zum Spiegel jener Verhältnisse, die weibliche Autonomie systematisch untergraben. Dass die Polizei den Fall sofort als Selbstmord ad acta legt, wirkt dabei wie ein bitteres Sinnbild staatlicher Gleichgültigkeit gegenüber weiblichen Schicksalen.

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Stilistisch arbeitet ANNA MUYLAERT mit langen Einstellungen, mit der ständigen Präsenz von ELENAS mühsamer Motorik. Dadurch wird die körperliche Zumutung für die Zuschauerinnen spürbar. Es ist ein Kino, das nicht unterhält, sondern fordert. Manche Kritiker haben dies als sperrig oder gar zäh empfunden – doch gerade hier liegt die politische Geste: ELENA WEISS BESCHEID zwingt das Publikum, den Alltag einer Frau wahrzunehmen, die von Krankheit, Abhängigkeit und gesellschaftlichem Druck zermürbt ist.

So wird der vermeintliche Krimi zu einer bitteren Parabel über weibliche Unfreiheit. Der Film zeigt, dass Mutterschaft in einer patriarchalen Gesellschaft nicht automatisch Ausdruck von Fürsorge ist, sondern ebenso gut ein Herrschaftsverhältnis sein kann. ELENAS Suche nach Wahrheit ist daher nicht nur eine kriminalistische Ermittlung, sondern zugleich der Versuch, ein System von Unterdrückung offenzulegen.

ELENA WEISS BESCHEID ist kein Film, der seine Zuschauerinnen umarmt. Er stößt ab, er verstört, er lässt Fragen offen. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Wer ihn sieht, erkennt: Nicht das Geheimnis um RITAS Tod ist das Zentrum – sondern die schmerzliche Erkenntnis, dass die Institution der Familie selbst ein Ort permanenter Gewalt sein kann.

Elena sabe | Tráiler oficial | Netflix
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