
Die Erzählung beginnt wie ein urbanes Märchen: Eine Frau, rot gekleidet, betritt eine Bar, streitet sich mit ihrem Partner, sucht Ablenkung – und trifft auf einen charismatischen Fremden. Die darauf folgenden Minuten entwickeln sich zu einem sozialen Tanz aus Flirt und Spannung, bis dieser Tanz jäh kippt und in roher Gewalt explodiert. Was VINCENT PARENNAUD in HUNTED – WALDSTERBEN entfaltet, ist weit mehr als ein Survival-Thriller. Es ist eine düstere Parabel auf Geschlechterverhältnisse, ein visuelles Märchen von archaischer Wucht – und eine Art filmische Meditation über den Wald als Ort der Transformation.
LUCIE DEBAY spielt EVE, eine moderne Rotkäppchen-Figur, deren Reise nicht zu Großmutter, sondern zu sich selbst führt – durch Blut, Dreck und nackte Angst hindurch. Ihr Gegenspieler: ARIEH WORTHALTER, dessen Figur nur „The Guy“ genannt wird, ein eloquenter, selbstgerechter Mann, der sich für überlegen hält – moralisch, intellektuell, körperlich. Ihm zur Seite steht ein wortkarger, fast tierischer Komplize (CIARAN O’BRIEN), der Gewalt nicht rechtfertigt, sondern auslebt.
Die Handlung selbst verläuft, rein narrativ betrachtet, auf einem schmalen Grat: Eine Frau wird entführt, flieht in einen Wald, wird gejagt – und dreht allmählich den Spieß um. Was jedoch aus dieser minimalistischen Prämisse gemacht wird, hebt den Film weit über das Genre-Mittelmaß hinaus. PARENNAUD, der mit Persepolis einst ein sensibles Gespür für narrative Symbolik bewies, nutzt auch hier Allegorie als stärkstes Stilmittel.
Der Wald in HUNTED ist keine bloße Kulisse. Er ist lebendig, lauernd, urwüchsig – eine Figur für sich. Mit seiner Hilfe dekonstruiert der Film nicht nur klassische Rollenbilder, sondern lässt die Protagonistin buchstäblich mit der Natur verschmelzen. Tiere beobachten stumm, die Äste greifen, der Schlamm verschluckt. Und aus der Verfolgten wird eine neue, instinktgeleitete Version ihrer selbst.
Diese Transformation wird dabei nicht als klassische Empowerment-Fantasie inszeniert, sondern als Rückbesinnung auf animalische Kraft. Der Film kennt keine Glorifizierung der Gewalt – aber er verweigert sich auch jeder Verharmlosung. Wenn Eve zurückschlägt, tut sie das nicht als Heldin, sondern als Wesen, das seine Menschlichkeit abgelegt hat, um zu überleben.
Der visuelle Stil unterstreicht diese Erzählung mit beeindruckender Konsequenz: Grobkörnige Nahaufnahmen, ein nervöses, fast dokumentarisches Kamerawerk und eine unheimliche Klanglandschaft, die zwischen Naturgeräusch und fiebriger Musik oszilliert. Besonders eindrucksvoll sind dabei Sequenzen, in denen Licht, Schatten und Körper eine fast tänzerische Choreografie ergeben – man fühlt sich kurz an die unheimlich-ästhetischen Tableaus eines NICOLAS WINDING REFN erinnert.

Doch HUNTED ist nicht frei von Schwächen. Die Täterfiguren bleiben eindimensional – ein bewusster dramaturgischer Kniff, der aber auch Tiefe verschenkt. Ihre Boshaftigkeit ist total, ihre Motivation beinahe mythisch: Männer, die jagen, weil sie glauben, es stehe ihnen zu. Die Gefahr dieser Überzeichnung: Eine moralische Eindeutigkeit, die keine Grautöne kennt und daher – trotz aller Gewalt – auch kaum noch überrascht.
Auch in der letzten Viertelstunde gerät der Film ins Schlingern. Der finale Akt zieht sich, verliert stellenweise die zuvor so dichte Symbolik und wirkt etwas selbstverliebt in seiner Lust an der Rache. Die physischen Übergriffe sind brutal, aber nicht voyeuristisch – dennoch fragt man sich, ob weniger hier mehr gewesen wäre.
Und dennoch: HUNTED – WALDSTERBEN hinterlässt Eindruck. Nicht, weil er so viel Neues erzählt – sondern weil er Archetypen neu auflädt. Das Märchenhafte wird zur Waffe, der Wald zum Spiegel. Wer sich auf diesen wilden Ritt einlässt, wird verstört, vielleicht sogar überfordert – aber mit Sicherheit nicht kaltgelassen.
Ein modernes Grimm’sches Albtraum-Szenario für das postfeministische Zeitalter. Rotkäppchen hat endlich Zähne bekommen.
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