
ANDREA ARNOLDs Film American Honey (2016) ist weit mehr als ein Coming-of-Age-Drama oder ein melancholisches Roadmovie. Es ist eine filmische Sozialstudie, ein dichter Erfahrungsbericht über eine Jugend ohne Halt, ohne Zukunft – und ohne Stimme. Mit semidokumentarischer Ästhetik und einem Blick, der weder romantisiert noch denunziert, gelingt ARNOLD ein Meisterwerk des Gegenwartskinos, das die untere soziale Schicht Amerikas nicht nur zeigt, sondern fühlbar macht. Und dabei das politische Klima der Vereinigten Staaten, das eine Figur wie DONALD TRUMP hervorbringt, gleich mit erklärt.
Die Geschichte folgt Star, einer jungen Frau, die sich einer reisenden Gruppe von Jugendlichen anschließt, die von Tür zu Tür zieht, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Es ist ein absurdes, ausbeuterisches Geschäftsmodell – legal gerade noch, moralisch längst jenseits des Zulässigen. Doch für diese Jugendlichen, für diese moderne Form des sogenannten White Trash, ist es das einzig greifbare Versprechen auf Mobilität: geografisch wie sozial.
American Honey dokumentiert in vibrierenden Bildern eine Jugend, die keine Träume hat, aber dennoch hofft. ARNOLD inszeniert nicht als Beobachterin von außen, sondern als Komplizin – die Kamera ist stets auf Augenhöhe, manchmal buchstäblich zwischen Körpern, Bewegungen, Blicken. Immer nah, nie voyeuristisch. Der Einsatz des 4:3-Formats verdichtet die Welt, rückt sie näher, lässt kaum Raum zum Atmen. Und genau das ist das Lebensgefühl dieser Figuren.
Einer der eindrücklichsten Momente des Films offenbart die klassenpolitische Dimension: Als Star bei einem betuchten Trio älterer Männer mit Cowboyhüten ins Auto steigt, wird der amerikanische Mythos der Selbstermächtigung mit bitterer Ironie entlarvt. Die Männer – eine Karikatur von Reichtum, Männlichkeit und Chauvinismus – feiern sich selbst dafür, einem „armen weißen Mädchen“ ihre Zeit zu schenken, als wäre sie ein Geschenk des Elends an die Wohlhabenden. Ihre Angeberei wirkt grotesk, aber nicht unrealistisch. Vielmehr ist es eine Momentaufnahme jener gesellschaftlichen Kluft, die sich durch die USA zieht – zwischen denen, die alles verloren haben, und denen, die selbst den letzten Rest Würde noch als konsumierbar betrachten.
Die musikalische Untermalung – von Trap bis Folk, von RIHANNA bis MAZZY STAR – fungiert nicht nur als Soundtrack, sondern als soziales Barometer. Hier wird der kulturelle Flickenteppich einer zerrütteten Jugend hörbar. Während das Geld immer knapper, das Essen schlechter und die Träume vager werden, bleibt nur noch die Musik als Fluchtpunkt – ein Moment der Transzendenz in einer Welt, die keinen Platz mehr für Hoffnung hat.

American Honey ist dabei nie zynisch. Der Film kennt keine Helden und keine Bösewichte, sondern nur Individuen im Überlebensmodus. Und genau das macht ihn so radikal. Es ist diese schonungslose Ehrlichkeit, die die Mechanismen offenlegt, mit denen sich Macht, Klasse und Identität in der amerikanischen Gesellschaft manifestieren.
In einem politischen Klima, in dem Ressentiments mobilisiert und soziale Abstiege rassistisch umgedeutet werden, liefert American Honey ein erschreckend authentisches Bild jener Realität, die medial allzu oft verzerrt wird. Dass jemand wie DONALD TRUMP nicht trotz, sondern wegen dieser sozialen Verhältnisse an die Macht kam – und womöglich wiederkommt – erscheint nach diesem Film nicht als Anomalie, sondern als logische Konsequenz.
ANDREA ARNOLD ist mit American Honey ein Kunstwerk gelungen, das nicht erklären will – und gerade dadurch so viel erklärt. Ein Film, der nicht nur gesehen, sondern gespürt werden muss. Und ein leiser Schrei aus dem Innersten einer Generation, die man längst abgeschrieben hat.
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